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17: ChatGPT – Der KI-basierte Chatbot, der die Erwachsenenbildung verändert – Gespräch mit Thomas Hohn:

    Wie können wir KI im Kontext der Bildungsarbeit nutzen?

    Thomas Hohn, Hamburg 2023

    Frage: Thomas, du bist Experte für Digitales Lernen, für Businessfilme und die Erstellung von Online-Kursen. Deine Mission: Menschen mit Hilfe von Multimedia und digitalen Lernmedien voranzubringen. 

    Künstliche Intelligenz (KI) und Chatbots sind gerade dabei, die Landschaft der Erwachsenenbildung zu verändern. Ein Beispiel für diese Technologie ist der Chatbot ChatGPT, der für Conversation-Generated Prompts Toolkit steht. 

    Was sind deine Gedanken zu KI und zu ChatGPT?

    Zuerst eine kurze Einordnung, damit wir alle vom gleichen sprechen: ChatGPT ist ein Programm, das Ende November 2022 vom US-amerikanischen Forschungs- und Entwicklungsanbieter OpenAI veröffentlicht wurde. Es ist kostenlos verfügbar und generiert in Sekundenschnelle zusammenhängende, verständliche Textergebnisse in überraschend guter Qualität.  

    KI-Anwendungen und Chatbots sind ja kein neues Phänomen, aber ChatGPT ist eine Anwendung, die seit ihrer Veröffentlichung und dank ihrer Output-Qualität eine wirklich explosionsartige Reichweite erzielt hat und dies weiterhin tut. Ich denke sogar, dass ChatGPT es geschafft hat, die Möglichkeiten von KI erstmal einem breiten Publikum verständlich vor Augen zu führen. 

    Neben den inhaltlichen Möglichkeiten von ChatGPT beeinflusst dies auch die Wahrnehmung von KI insgesamt, und stößt aktuell viele Diskussionen und Debatten an. Selbst die «Tagesschau» in Deutschland berichtete über die Auswirkungen von ChatGPT, speziell für den Bildungsbereich – und die werden nach meiner Überzeugung erheblich sein! 

    Prof. Dr. Nicolas Meseth, Februar 2023

    Frage: «Künstliche Intelligenz» ist ein unscharf verwendeter Begriff. Du erwähnst die aktuelle Wahrnehmung, beeinflusst durch ChatGPT. Vielleicht tragen viele von uns statt von aktuellen wissenschaftlichen Debatten eher noch Bilder von Science-Fiction in den Köpfen. Dazu nutzen Firmen das Schlagwort «KI» für Marketing und ganze Staaten für strategische Machtprojektionen. 

    Welche Chancen siehst du für «KI» in Lernprozessen?

    Du stellst deine Frage chancenorientiert und das ist auch meine Sichtweise auf KI und Bildungsarbeit. Ähnlich wie das Internet, das unser Leben ebenfalls massiv beeinflusst und kaum umkehrbar ist –– privat wie beruflich. Die Entwicklung von KI sehe ich ähnlich: auch dieses Rad lässt sich nicht zurückdrehen. Eine Weile ignorieren, ja. Die Entwicklung aufhalten, nein. Darum sollten wir KI für uns persönlich sinnvoll nutzen. 

    Es geht ja im Kern um fortschrittliche «Textroboter», die mit einer Vielzahl von Texten und Textsorten (Büchern, Blogs, Websites, Social Media usw.) trainiert wurden. Darum ist Chat GPT in der Lage, Fragen in überraschend hoher Differenziertheit zu beantworten. Studierende, Schüler und Lehrende können ihm Aufgaben wie das Schreiben von Aufsätzen, Bewerbungen oder Briefen und ganzen Konzepten übergeben und ihn sogar Interviewfragen oder Code erstellen lassen. 

    Auch in meiner eigenen beruflichen Tätigkeit –bei der Hamburger Sparkasse (Haspa) – wie auch in meiner Selbständigkeit – zeichnen sich spannende Einsatzfelder ab: die Unterstützung bei der Themen-Recherche für eine Präsentation oder E-Learning-Kurse, die Ideenfindung für ein Social-Media-Posting oder einen Blogbeitrag und vieles mehr. 

    Trotzdem können wir festhalten: Der Chatbot ChatGPT bedeutet eine Innovation in der Bildungsarbeit und stellt viele Trainer, Ausbildende, Berufsbildungsfachleute, Lehrpersonen und Bildungsinstitutionen vor Herausforderungen. 

    Prof. Dr. Nicolas Meseth, Februar 2023

    Frage: Ich habe als Trainer für Didaktische Reduktion und Dozent an verschiedenen Fach- und Hochschulen bereits erste Erfahrungen mit ChatGPT in Lernsituationen mit Studierenden gesammelt. 

    Der mit KI unterstützte Schreibgenerator arbeitete bis auf Ausnahmen (weil die Server durch den weltweiten Zugriff überlastet waren), schnell und lieferte verblüffende Ergebnisse. Vereinzelt wirkte der Ton noch etwas “maschinell” oder repetitiv. 

    Aber die Kernpunkte, sowie Grammatik und Syntax, waren richtig. Nach einer kurzen Politur wären einzelne Texte bereit zur Abgabe in einer Prüfung gewesen. 

    Soll ChatGPT in der Erwachsenenbildung eingesetzt werden oder nicht?

    Im Gegensatz zu herkömmlichen Sprachmodellen kann ChatGPT lernen, Antworten ohne explizite Anweisungen zur richtigen Frage zu generieren. Benutzer können jede Anfrage stellen – von „Erzähl mir etwas über Strategien gegen Prüfungsangst“ bis hin zu „Schreibe eine Meinung aus der Perspektive einer Gewerkschafterin darüber, dass ChatGPT den Job von Trainern und Erwachsenenbildnern übernimmt“ – und ChatGPT wird eine Antwort geben. 

    Wer das Ergebnis durch eine Plagiatsprüfung laufen lässt, wird feststellen, dass der Inhalt, spätestens dann, wenn er ein- bis zweimal mit DeeplWrite in eine Fremdsprache übersetzt und zurückübersetzt wurde, von aktueller Software als 100% originär beurteilt wird. 

    Ich selbst habe auch schon eine Weile mit ChatGPT experimentiert und hier nicht nur beliebige Themen ausgewählt, sondern auch verschiedene Texttypen ausprobiert wie z.B. einen Aufsatz, eine Zusammenfassung, eine Pro-Contra-Liste oder eine Aufzählung. Alle Ergebnisse waren sehr beeindruckend, und je besser mein Input war, desto akkurater war auch das Ergebnis. Ich bin mir sicher: Lernende werden sich mit KI effizienter und qualitativ besser neue Themen erschließen . Mit klassischer Google-Recherche wäre dies kaum umsetzbar. 

    Wir sollten uns hier aber nicht nur auf Studenten oder Schüler fokussieren: Erwachsenenbildung umfasst ja auch diejenigen, die ihre formalen Qualifikationen bzw. Schul- und Studienabschlüsse schon erworben haben. Und sich im Sinne des lebenslangen Lernens beruflich oder privat weiterbilden wollen oder auch müssen.  Auch ihnen, die teilweise das Lernen erst wieder neu üben müssen, kann KI eine Unterstützung bieten. Bis hin zu Menschen mit Beeinträchtigungen wie z.B. einer Lese- oder Rechtschreibschwäche oder Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft sprachliche Defizite haben und dank KI beispielsweise eine neue Sprache besser und schneller erlernen können.

    Beitrag von Pauline Schinkel, Die ZEIT, 31.1.23

    Frage: Studierenden stellten mir natürlich rasch die Frage, warum wir, wenn wir den Bot als “intelligenten Schreibassistenten” nutzen, der uns Vorschläge zur stillistischen oder grammatikalischen Verbesserung eigener Texte liefert, überhaubt noch Lehrpersonen brauchen. 

    Und ob sie sich in Zukunft weiter mit Google und einem Überfluss an Ergebnissen plagen müssen, wenn ihnen ChatGPT innert Sekunden komplexe Texte zusammenfassen kann. Oder als Privatlehrer geduldig vertiefende Fragen beantwortet und präzisierende Details liefert. 

    Ist das die Zukunft: ChatGPT oder vergleichbare Dienste als Unterstützung für personalisierte Lernprozesse?

    Ich bin überzeugt, dass ChatGPT schon sehr schnell zur digitalen Grundausstattung der meisten Menschen gehören wird, die sich gerade in einem Lernprozess befinden. Natürlich kann KI keine Wunder bewirken und wird einem weder das Denken abnehmen noch in einer konkreten Prüfungssituation alle Aufgaben lösen. Aber eine Recherche unterstützen, die Denkblockade vor dem berühmten weißen Blatt Papier überwinden, Ideen entwickeln für die Struktur eines persönlichen Aufsatzes bis hin zu einer Bachelor- oder Masterarbeit; all das werden Einsatzszenarien sein, in denen KI ein digitaler Helfer sein wird. 

    Eine spannende Frage ist in diesem Zusammenhang auch, inwieweit die Menschen auch bereit sein werden, hierfür Geld in die Hand zu nehmen: ChatGPT hat gerade  eine bezahlte Premium-Lösung herausgebracht, andere Anbieter nutzen ebenfalls schon ChatGPT als Basis und optimieren die Ergebnisse mit eigenen Data Scientists für über 100 verschiedene Texttypen, wie z.B. das Hamburger Start-up neuroflash, ganz in meiner Nähe. 

    Auch dort wird das gängige Freemium-Modell genutzt: eine Basisversion ist kostenfrei, wer mehr will, bezahlt. Ich bin sicher, dass viele dazu bereit sein werden, sich diese neue Form des KI-unterstützten Lernens auch etwas kosten lassen. Gerade mit Blick auf weniger privilegierte oder weniger zahlungskräftige Menschen halte ich es aber für wichtig, dass gerade diesen Menschen kostenfreie Zugänge zum Lernen mit KI angeboten bzw. erhalten bleiben, damit wir hier nicht eine neue digitale Spaltung in der Gesellschaft bekommen in diejenigen, die sich KI leisten können und die, die es nicht können und dadurch langfristig abgehängt werden. 

    Veröffentlich von Pr. Dr. Sandra Niedermeier auf LinkedIn am 13.02.23 ( mit Verweis auf HFS-Research)

    Frage: In meinem Netzwerk erhalte ich bereits erste Anfragen von Institution, ihre Lehrpersonen beim Einsatz von ChatGPT in der Bildungsarbeit zu unterstützen. 

    Ich antworte im Moment so: Sammelt zuerst erste Erfahrungen und meldet euch dazu bei openai.com an. Im Feld «Playground» geht’s kostenfrei los. 

    Anschliessend können wir das Thema «KI in der Erwachsenenbildung» gerne mit Möglichkeiten zur Förderung einer «Teilnehmerorientierten Lehre» und “Didaktische Reduktion” verbinden. 

    Welche Tipps würdest du Einsteigerinnen und Einsteigern geben, wenn sie erste Erfahrungen sammeln möchten? Worauf sollten Bildungseinrichtungen achten?

    Mein erster Tipp für Einsteiger ist, ChatGPT einfach einmal mit kindlicher Neugier und auch mit Spaß auszuprobieren und sich hier auch ganz unterschiedliche Texttypen generieren zu lassen – einfach, um die Vielfalt und die Qualität des Output gut bewerten zu können. Es fängt immer damit an, dass man ChatGPT möglichst genau vorgibt, was man wissen möchte – dies ist das sogenannte «prompt». 

    Die Eingabe erfolgt schriftlich über die Tastatur, oder wird per Mikrophon diktiert. 

    Einer meiner ersten Versuche war z.B. ein «Interview» mit ChatGPT: ich habe bewusst kritische Fragen zur Rolle von KI gestellt, und Chat GPT hat diese erstaunlich gut ausformuliert und differenziert bewertet. Oder ein Blogbeitrag zu den Vorteilen von E-Learning gegenüber Präsenz-Lernen mit der Vorgabe, hierfür ca. 3.000 Wörter zu schreiben und Zwischenüberschriften zu nutzen – auch das mit einem überzeugenden Ergebnis. Alle diejenigen, die selbst Kinder haben, sollten auch einmal bewusst Themen aus dem schulischen Kontext ausprobieren wie z.B. typische Hausaufgaben: das Schreiben eines Aufsatzes zu einer geschichtlichen Fragestellung oder die Zusammenfassung eines Romans.  

    Was man durch diese neugierige Experimentieren auch lernt, ist die Beurteilung der Qualität des KI-Output – und damit verbunden der Bedarf, selbst noch weiter am Text zu feilen, Formulierungen zu ändern, eigene Gedanken zu ergänzen usw. 

    Nach meinen ersten Versuchen war mir schnell klar, dass ich vermutlich keinen ChatGPT-Output 1:1 und ohne jede Änderung publizieren würde. Ich würde das Ganze immer noch mit eigenen Gedanken und Formulierungen anreichern. Aber das muss jeder für sich herausfinden. Generell sind den Fragen und Aufträgen an den Chatbot kaum Grenzen gesetzt. 

    Und genau das ist auch der Punkt, an dem sich Bildungseinrichtungen mit KI auseinandersetzen sollten und dies eigentlich auch zwingend müssen! Die teilweise jahrzehntelang eingesetzten didaktischen Konzepte und Aufgabenstellungen werden seit dem kometenhaften Aufstieg von ChatGPT zum Teil bedeutungslos. Welchen pädgogischen Mehrwert hat die Hausaufgabe, einen Aufsatz schreiben zu lassen, wenn Schüler dies nicht mehr selbst tun, sondern das die KI machen lassen, während sie selbst parallel dazu Computerspiele spielen? Wenn Schüler:innen dann noch mehrere Tools miteinander kombinieren, lässt sich kaum noch überprüfen, ob der Schüler den Text selbst geschrieben hat, oder ob dieser KI-generiert ist. 

    Im Hochschul-Kontext stellen sich jetzt ähnliche Fragen für z.B. Hausarbeiten, Bachelor- oder Masterarbeiten – verbunden mit einer notwendigen Positionierung der Bildungseinrichtungen: Was will man zulassen? Was wird vielleicht «verboten»? Und wie will man das Einhalten von Verboten kontrollieren angesichts der Fülle an «Verschleierungsmöglichkeiten», die es heute schon gibt? 

    Mein erster Tipp an Bildungseinrichtungen wäre in diesem Zusammenhang, nicht zu überlegen, wie man den Einsatz von KI verbieten und ahnden kann, sondern zeitnah zu prüfen, wie man die vorhandenen didaktischen Konzepte kreativ verändern und die Nutzung von KI dabei berücksichtigen und vielleicht sogar mit einbauen kann.   

    Übrigens arbeite ich hauptberuflich zwar in keiner expliziten Bildungseinrichtung, sondern im People & Culture-Bereich einer Sparkasse. Aber auch in unserem  unternehmerischen Kontext geht es um das Fördern des eigeninitiativen und lebenslangen Lernens mit Hilfe verschiedener formaler und informeller Weiterbildungsangebote. Und auch wir diskutieren aktuell über KI und ChatGPT. Wir überlegen, inwieweit wir die Nutzung von KI bei der Konzeption von Selbstlernangeboten berücksichtigen können. Oder welche Auswirkungen KI auf die didaktische Gestaltung von Lehrgängen hat, wie wir sie seit Jahren anbieten, wie den Bankfachwirt und den Bankbetriebswirt.

    Beispiel Jasper-Software, Yvo Wüest 5.02.23

    Frage: In unserer LinkedIn-Fachgruppe #DidaktischeReduktion habe ich mehrere Beiträge zu ChatGPT publiziert. Die Reaktionen, insbesondere von Kolleg*innen aus der Hochschuldidaktik, waren durchwegs positiv und interessiert. 

    Ich denke gerade der Hochschulbereich ist ein textlastiger Bildungsektor und akademische Schreibprozesse sind direkt von den Möglichkeiten der neuen Applikation betroffen. 

    Erwartest du grundsätzliche Veränderungen beim wissenschaftlichen Arbeiten oder wie Prüfungsprozesse künftig gestaltet werden?

    Das schließt direkt an die Gedanken an, die ich eben schon skizziert habe. Diese Veränderungsprozesse haben ja schon früher schon begonnen und werden auch in den Medien oder auf Social Media diskutiert. Erste Reaktionen betreffen die zu erwartende studentische Nutzung des Chatbots für Qualifizierungsarbeiten. Für die Bewertung schriftlicher Arbeiten wird es neben Ergebniskriterien zunehmend auch Prozesskriterien brauchen. Außerdem werden wohl reine Texterstellungsaufgaben für Studierende weniger bedeutsam werden, während mündliche Formate, Portfolios, Diskursformate oder Präsentationen an Bedeutung zunehmen werden.

    Ich denke einfach mehr oder ausgeklügelte Kontrollmechanismen sind nicht die Lösung. Eher brauchen wir eine neue Einstellung oder Haltung in Bildungsinstitutionen und in der ganzen Gesellschaft. Wir brauchen kluge, im kritischen Denken geübte Menschen und nicht einfach nur clevere Köpfchen, die sich geschickt durch alle Lücken und Schleusen schummeln oder drängen. 

    Frage: Du sprichst eine veränderte Haltung an. Mir kommt hier der Gedanken:  

    Wichtiger als die Frage der Leistungsüberprüfung ist auch künftig die Frage nach der richtigen Didaktik. Wie lernen Studierende künftig das Recherchieren, Bewerten, Auswählen und besonders das argumentative Verwenden von Informationen. 

    Lass mich dazu einen kritischen Beitrag von Hannah Fry aus ihrem Buch «Hello World. Was Algorithmen können und wie sie unser Leben verändern» aus dem Jahr 2019, zitieren. 

    Hannah Fry ist Professorin für Mathematik am University College London und forscht darüber, wie sich menschliches Verhalten mithilfe von Daten entschlüsseln lässt. 

    In ihrem Buch schreibt sie: « Vielleicht besteht die Lösung darin, dass wir Algorithmen entwickeln, die von Grund auf anfechtbar sind. (…) dass sie Menschen bei ihren Entscheidungen unterstützen, anstatt sie anzuweisen. Dass sie uns nicht nur über das Ergebnis informieren, sondern erkennen lassen, wie sie zu einer bestimmten Entscheidung gelangen. (…) die beachten, dass wir dazu neigen, den Ergebnissen einer Maschine übermässig zu vertrauen, und gleichzeitig ihre eigenen Fehler akzeptieren und ihre Unsicherheit stolz zur Schau tragen». (S. 235f)

    Weiter sagt sie: 

    «Eine Zukunft, in der die arroganten, diktatorischen Algorhithmen, (…) der Vergangenheit angehören. Eine Zukunft, in der wir Maschinen nicht mehr als objektive Herren betrachten, sondern wie jede andere Machtquelle behandeln. In dem wir ihre Entscheidungen hinterfragen, ihre Motive untersuchen, unsere Emotionen anerkennen; Auskunft darüber zu verlangen, wer Nutzniesser ist; sie für Fehler zur Verantwortung ziehen und darauf achten, dass wir nicht nachlässig werden.» (S. 237)

    Was sind deine Überlegungen zu diesen kritischen Gedanken?

    Ich kann diese Gedanken gut nachvollziehen, und eigentlich sind sie auch überhaupt nicht neu. In der Medienbildung ist das Thema Medienkritik seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil, der – seitdem es das Internet gibt – ja noch extrem an Bedeutung gewonnen hat. Fragen rund um das Erkennen von Fake News, die Qualität von Quellen, machtpolitische oder ideologische Einflüsse auf Medien und vieles mehr finden sich ja bereits in der schulischen Ausbildung, und das ist auch wichtig, und Wachsamkeit ist hier essentiell. Das wissen wir spätestens seit Donald Trump. 

    Ein kritischer und reflektierter Umgang mit KI, sozusagen «Medienkritik 2.0», ist angesichts der gefühlt gerade exponentiellen Ausbreitung von KI-Technologie     extrem wichtig. Und auch hier sollten wir nicht nur an diejenigen denken, die bezüglich ihres Bildungsgrades und ihrer sozialen Herkunft diese reflexiven Prozesse ohne Mühe aktiv vollziehen können, sondern auch an diejenigen, die hier Unterstützung benötigen und ohne diesen Support schnell abgehängt werden. Es wäre fatal, wenn hier quer durch die Gesellschaft eine neue digitale Spaltung entsteht entlang der Trennlinie, ob und wie reflektiert man KI nutzt oder eben auch nicht. 

    In diesem Kontext könnten übrigens die oft belächelten und unterschätzten Volkshochschulen eine neue und gesellschaftlich hoch relevante Aufgabe finden, um mit kostengünstigen und barrierearmen KI-Bildungsangeboten hier einen aktiven Beitrag zur souveränen und reflektierten Nutzung von KI zu fördern. 

    Beispiel Software You.com, Yvo Wüest 9.02.23

    Frage: Lass uns ein hier ein Zwischenfazit zu ChatGPT und dem Einsatz von KI in der Erwachsenenbildung ziehen. Thomas, wo stehen wir in zwei, wo in fünf Jahren?

    Eine anspruchsvolle Fragestellung, gerade angesichts der aktuell äußerst dynamischen Entwicklungen. Aber ich will es gern versuchen. In den meisten Bereichen der Erwachsenenbildung und der Weiterbildung im Unternehmenskontext ist eigenständiges Schreiben keine so zentrale Lernmethode wie im Schul- oder Hochschulbereich. Insofern wird ChatGPT das reine Lerngeschehen in der Erwachsenenbildung vermutlich nicht so unmittelbar erschüttern wie im formalen Bereich. 

    Allerdings kann der Chatbot auch für die Unterrichtsvorbereitung, im Antrags- oder Berichtswesen, für die Konzepterstellung und für Planungsprozesse viel leisten. Er liefert Informationspakete, Berechnungen, Programmierungen und vieles mehr – und das auch für Lehre, Beratung und Bildungsmanagement – und revolutioniert natürlich auch das Lernen selbst. Einen interessanten Einblick dazu bietet ein Interview von Katja Ratheiser mit ChatGPT, in dem sich der Chatbot über seine Potenziale in der Erwachsenenbildung äußert. 

    KI-Sprachsysteme hoher Qualität sind ab jetzt in der gesamten Wissensarbeit ein Fakt, und wegzuschauen ist keine Option, denn „ChatGPT ist erst der Anfang“. Ganz egal, ob man den Chatbot selber nutzt oder nicht: andere im eigenen Arbeitsumfeld werden es tun, und der Output der KI wird damit in der eigenen Arbeitsumgebung präsenter. Eigenständiges, logisches und kritisches Denken und Kommunizieren wird daher noch wichtiger als bisher.

    Dass der unmittelbare Handlungsdruck in der Erwachsenenbildung geringer ist als im formalen Bereich, gibt uns die Zeit, Erfahrungen mit der neuen Technologie zu sammeln, bevor wir damit und dazu eigene Lernangebote gestalten. 

    Kevin Roose, New York Times, schreibt am 16.02.23 “A Conversation with Bing’s Chatbot Left Me Deeply Unsettled”.

    Frage: Verstehe ich dich richtig: KI-Sprachsysteme hoher Qualität sind künftig in der gesamten Wissensarbeit ein Fakt, wegzuschauen ist keine Option?

    Ja, auch in der Erwachsenenbildung ist es unsere Aufgabe zu lernen, wie wir die Software nutzen können und wollen, oder (um dem dialogischen Stil des Chatbots Rechnung zu tragen): wie wir mit der KI zusammenarbeiten möchten. Knowhow aufzubauen, welche Anweisungen zu welchen Ergebnissen führen, ist dabei ein guter Anfang. Hier wird neues Anwenderwissen entstehen, das im Sinne der Chancengerechtigkeit auch an alle Menschen weitergegeben werden muss.

    Gleichzeitig sollten wir unsere Erfahrungen dabei in einer offen geführten und selbstkritischen Reflexion teilen. Denn machen wir uns nichts vor: Viele Arbeitsplätze sind so stressbelastet, dass Unterstützung bei zahlreichen Denkleistungen und in vielen Textsorten willkommen ist. Wenn der Output vernünftig erscheint, wird es bequem sein, ihn zu akzeptieren – auch wenn wir uns das Denken nicht abnehmen lassen wollen und dürfen. Wach zu bleiben in der Selbstbeobachtung und offen zu bleiben im Dialog, ist also auch in diesem Fall gefragt.

    Ressourcen: 

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