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31: “Die Macht der Worte” – Rezension zum neuen Buch von Mariano Sigman

    In einer Zeit, in der effektive Kommunikation und ein reflektiertes Selbstverständnis die Grundlage für erfolgreiche Bildungsarbeit darstellt, hat der renommierte argentinische Neurowissenschaftler Mariano Sigman ein ein richtungsweisendes Buch verfasst. Es dient Erwachsenenbildnern, Trainerinnen und pädagogischen Fachkräften als wertvolle Orientierungshilfe in ihrer täglichen Praxis. Während meines Aufenthaltes in Bogotá im vergangenen August stiess ich auf dieses bemerkenswerte Buch. In diesem Beitrag fasse ich Schlüsselkonzepte aus “El Poder de las Palabras – Die Macht der Worte”, die zur Weiterentwicklung unserer andragogischen Praktiken beitragen können, zusammen.

    1. Der Kerngedanke: Kommunikation als Selbstreflexion

    Sigman betont die Wichtigkeit des inneren Dialogs und wie dieser unsere Wahrnehmung von uns selbst und der Welt um uns herum beeinflusst. Er ermutigt uns, nicht nur mit anderen zu kommunizieren, sondern auch uns selbst zu erforschen und die Geschichten, die wir uns selbst erzählen, in Frage zu stellen. Die grundlegende These ist, dass wir unsere Beschränkungen und Inkompetenzen herausfordern und transformieren können indem wir unsere inneren Narrative überarbeiten.

    2. Die Plastizität des Gehirns: Das Potential für Wandel

    Was dieses Buch besonders faszinierend macht, ist Sigmans Darstellung der Plastizität des Gehirns und wie diese Eigenschaft es uns ermöglicht, unsere Ideen und Emotionen jederzeit zu ändern. Er betont, dass wir immer noch die gleiche Lernfähigkeit haben wie als Kinder, dass wir aber oft durch unsere eigenen festgefahrenen Überzeugungen eingeschränkt sind.

    Kritisch könnte man einwenden, dass Sigman hier dem Voluntarismus das Wort redet. Schließlich sind die Vorstellungen und Emotionen eines Menschen immer auch ein Produkt seiner Sozialisation, seiner Lebensumstände, aber auch seines Bildungskapitals und seiner psychischen und mentalen Situation.

    In meinen Trainings zu Erwachsenenbildung komme ich oft auf aktuelle Erkenntnisse aus der Neurobiologie zu sprechen und erwähne das faszinierende Phänomen, dass das Gehirn seine Struktur und Funktion im Grunde bis zum letzten Atemzug verändern kann. Dies geschieht als Reaktion auf Erfahrung, Lernen oder Verletzung.

    Wenn wir lernen, bildet unser Gehirn neue Verbindungen zwischen Neuronen, die Synapsen genannt werden. Je mehr wir uns mit einem bestimmten Thema beschäftigen oder eine Fertigkeit üben, desto stärker werden diese Verbindungen. Für uns Bildungsfachleute bedeutet dies, dass wiederholtes und fokussiertes Üben einen echten Unterschied bei der Verarbeitung und Speicherung von Informationen im Gehirn eines Lernenden machen kann.

    Denn jede neue Erfahrung, die ein Erwachsener macht, kann potenziell neue neuronale Pfade im Gehirn schaffen oder bestehende verstärken. Das bedeutet, dass Bildungsfachleute in der Position sind, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch die neuronale Architektur der Lernenden zu beeinflussen.

    Café Pushkin in Bogotà, Quartier El Candelario, Yvo Wüest, August 2023

    3. Ein anschaulicher und unterhaltsamer Stil

    Obwohl das Buch tief in den Neurowissenschaften verankert ist, gelingt es Sigman durch einen erzählerischen Ton, angereichert mit persönlichen Anekdoten und humorvollen Illustrationen von Javier Royo, die Inhalte leicht verständlich und ansprechend zu vermitteln. Das macht “El Poder de las Palabras” nicht nur zu einem lehrreichen, sondern auch zu einem vergnüglichen Leseerlebnis.

    Sigman weist wiederholt darauf hin, dass Emotionen eine zentrale Rolle bei der Neuroplastizität spielen. Positive Emotionen können den Lernprozess fördern, während negative Emotionen oder Stress ihn hemmen können. Emotionales Wohlbefinden und eine positive Lernumgebung sind daher entscheidend für effektives Lernen. Deshalb ist es für LehrerInnen und andere Bildungsfachleute so wichtig, eine inspirierende und angenehme Lernatmosphäre zu schaffen.

    Sigman betont, dass die Erkenntnisse über die Plastizität des Gehirns das traditionelle Verständnis von Lernen und Entwicklung revolutioniert haben. Sie bieten Bildungsfachleuten nicht nur Einblicke in die Art und Weise, wie das Gehirn Informationen verarbeitet und speichert, sondern auch praktische Anleitungen für die Gestaltung von Unterrichtsstrategien und -umgebungen, die das Lernen optimieren.

    Bei der Lektüre des Buches hat sich für mich erneut bestätigt, dass das Gehirn am besten lernt, wenn es herausgefordert wird. Einfache Wiederholung oder Überarbeitung reicht oft nicht aus. Stattdessen sollte das Lernen komplex, neu und herausfordernd sein, um die Neuroplastizität voll auszunutzen.

    Für Erwachsenenbildner bedeutet dies, den Lernstoff dynamisch und abwechslungsreich zu gestalten, um die Lernenden ständig herauszufordern. Auf diese Weise können die Lernenden das volle Potenzial der Plastizität ihres Gehirns ausschöpfen.

    Live-Konzert im legendären Havana Café in Cartagena de las Indias, Yvo Wüest, August 2023

    4. Emotionale Intelligenz und Selbstmitgefühl

    Ein zentraler Aspekt des Buches ist die Betonung des Selbstmitgefühls und die Bedeutung des Umgangs mit den eigenen Emotionen. Sigman zeigt, wie ein ehrlicher innerer Dialog und ein liebevoller Umgang mit sich selbst dazu beitragen können, Vorurteile und vorgefasste Meinungen zu überwinden.

    “Conversar es la herramienta más poderosa para pensar mejor. No vale cualquier conversación. Sólo son eficaces las que se desarrollan en grupos pequeños, formados por personas con actitud receptiva. En definitiva: a dialogar de buena fe en un proceso de mutuo descubrimiento”.

    Mariano Sigman, El Poder de las Palabras, Debate, Colombia, 2022

    Übersetzung von Yvo Wüest: „Sprechen ist das wirkungsvollste Werkzeug, um besser zu denken. Nicht jedes Gespräch lohnt sich. Nur solche, die in kleinen Gruppen mit empfänglichen Menschen entwickelt werden, sind wirksam. Kurz gesagt: in gutem Glauben in einem Prozess der gegenseitigen Entdeckung miteinander in Dialog treten.“

    Sigman betont, dass sich emotionale Intelligenz auf die Fähigkeit bezieht, eigene Emotionen und die von anderen zu erkennen, zu verstehen, zu steuern und effektiv damit umzugehen. Sie beeinflusst, wie wir mit Druck und Herausforderungen umgehen, wie wir uns in sozialen Situationen verhalten und wie wir Entscheidungen treffen.

    Doch neben der emotionalen Intelligenz gibt es noch einen weiteren entscheidenden Faktor für das eigene Wohlbefinden und die Effektivität im Umgang mit anderen, der Sigman besonders wichtig ist: Selbstmitgefühl.

    Was ist Selbstmitgefühl?

    Selbstmitgefühl ist die Fähigkeit, sich selbst gegenüber Verständnis, Freundlichkeit und Akzeptanz zu zeigen, insbesondere in Zeiten von Schwierigkeiten oder Misserfolgen. Es geht nicht darum, sich selbst für Fehler oder Schwächen zu kritisieren, sondern sich selbst so zu behandeln, wie man einen guten Freund in einer ähnlichen Situation behandeln würde.

    Drei Hauptelemente kennzeichnen Selbstmitgefühl:

    1. Selbstfreundlichkeit vs. Selbstkritik: Es bedeutet, sanft und verständnisvoll mit sich selbst umzugehen, anstatt kritisch oder hart.
    2. Verbundenheit vs. Isolation: Das Bewusstsein, dass alle Menschen Fehler machen und leiden, hilft uns zu erkennen, dass wir mit unseren Erfahrungen nicht allein sind.
    3. Achtsamkeit vs. Überidentifikation: Dies erfordert, die eigenen schmerzhaften Gefühle mit einem ausgewogenen Bewusstsein zu halten, anstatt sie zu ignorieren oder übermäßig darin aufzugehen.
    Mariano Sigman, Neurowissenschaftler, Argentinien, TED-Talk 2016

    Warum ist Selbstmitgefühl wichtig für Bildungsfachleute?

    Bildungsfachleute sind häufig mit herausfordernden Situationen konfrontiert, sei es im Umgang mit schwierigen Schülern oder Studierenden, mit hohen Erwartungen oder persönlichen Herausforderungen. In solchen Momenten kann Selbstmitgefühl helfen, die eigene Resilienz zu stärken und Burnout zu vermeiden.

    Durch die Entwicklung von Selbstmitgefühl können Lehrende und Trainer:

    • besser mit Stress und Druck umgehen
    • konstruktivere Beziehungen zu ihren Schülern oder Studierenden aufbauen
    • ihre eigenen Emotionen und Reaktionen in der Lernsituation besser regulieren
    • sich von negativen Ereignissen schneller erholen und mit Misserfolgen umgehen

    Wie entwickelt man Selbstmitgefühl?

    Selbstmitgefühl kann durch bewusste Praxis entwickelt werden. Sigman nennt in seinem Buch Meditation, das Reflektieren eigener Erfahrungen, das Führen eines Dankbarkeitstagebuchs oder das bewusste Üben von Selbstmitgefühl oder Selbstfreundlichkeit in schwierigen Zeiten. Workshops und Trainingsprogramme, aber auch Übungsformen wie Lachyoga oder Zen-Meditation können helfen, die Grundlagen des Selbstmitgefühls zu erlernen und zu vertiefen.

    Aus eigener Erfahrung stimme ich mit dem Autor überein, dass die Entwicklung von emotionaler Intelligenz und Selbstmitgefühl nicht nur das persönliche Wohlbefinden von Bildungsfachleuten steigert, sondern auch ihre Effektivität und ihre Beziehungen zu Schülern:innen und Studierenden verbessert.

    Strassencafé in Cartagena de las Indias, Aufnahme Yvo Wüest Juli 2023

    5. Ein Werkzeug für Bildungsfachleute

    Dieses Buch bietet ErwachsenenbildnerInnen, TrainerInnen und KursleiterInnen eine Fülle von Erkenntnissen darüber, wie Kommunikation die persönliche Entwicklung beeinflusst. Es dient als wertvolle Ressource, um Lernende zu ermutigen, ihre eigene Geschichte neu zu schreiben und ihr volles Potenzial auszuschöpfen.

    Die Macht der Worte und die Kraft der Kommunikation sind nicht nur Mittel zur Übermittlung von Botschaften, sondern auch mächtige Instrumente zur Selbstreflexion. Was wir sagen und wie wir es sagen, spiegelt oft unsere tiefsten Überzeugungen, Emotionen und Ideen wider.

    Die Geschichten, die wir uns selbst erzählen

    Eines der Hauptthemen, die Mario Sigman in seinem Buch hervorhebt, ist die Bedeutung der Geschichten, die wir uns selbst erzählen. Diese inneren Monologe prägen nicht nur die Art und Weise, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen, sondern auch, wie wir uns selbst sehen. Indem wir erkennen und hinterfragen, wie wir über uns und unsere Erfahrungen sprechen, können wir beginnen, einschränkende Überzeugungen und Vorurteile in Frage zu stellen.

    Nicht alles glauben, was uns gesagt wird

    Ein weiterer zentraler Punkt, den Sigman erwähnt, ist die Wichtigkeit, nicht alles blind zu glauben, was man uns erzählt. Das gilt auch für das, was wir uns selbst erzählen. Selbstreflexion durch Kommunikation ermöglicht es uns, einen Schritt zurückzutreten und unsere eigenen Gedanken und Überzeugungen zu hinterfragen. Dies eröffnet Raum für Wachstum, Lernen und Veränderung.

    Die Rolle der Emotion in der Kommunikation

    Emotionen sind ein integraler Bestandteil unserer Kommunikation. Anstatt sie zu unterdrücken oder als unerwünscht zu betrachten, sollten wir sie als Schlüssel zur Selbstreflexion nutzen. Indem wir unsere Emotionen erkennen und benennen, können wir tiefer in unser eigenes Bewusstsein eintauchen und uns selbst besser verstehen.

    Die transformative Macht des Dialogs mit sich selbst

    Mario Sigman betont die transformative Kraft des inneren Dialogs. Wenn wir lernen, konstruktiv mit uns selbst zu kommunizieren, können wir unsere selbst auferlegten Grenzen herausfordern und überschreiten. Dieser innere Dialog kann uns auch helfen, uns dem Lernen wieder in einem Zustand “kindlicher Neugier” zuzuwenden.

    Muralismo, Cartagena de las Indias, Aufnahme Yvo Wüest, Juli 2023

    Fazit

    Kommunikation ist nicht nur ein Mittel zur Übermittlung von Informationen, sondern auch ein Spiegel unserer inneren Welt und ein mächtiges Werkzeug zur Selbstreflexion. Wenn wir uns bewusst werden, wie und warum wir kommunizieren, können wir beginnen, uns selbst auf eine tiefere und bedeutungsvollere Weise zu verstehen.

    “El Poder de las Palabras – Die Macht der Worte” ist deshalb mehr als ein Buch über Kommunikation. Es ist ein Handbuch für alle, die innere Barrieren durchbrechen und mehr von ihrem ungelebten Potenzial ausschöpfen wollen. Mit seiner Mischung aus fundierter Wissenschaft, persönlichen Geschichten und Humor hat Mariano Sigman ein Werk geschaffen, das inspiriert und informiert. Ich empfehle dieses neue Buch allen Bildungsfachleuten und allen Menschen, die die transformative Kraft der Worte verstehen wollen.

    Ressourcen:

    El Poder de las Palabras – Como cambiar tu cerebro (y tu vida) conversando, Mariano Sigman, Debate, Colombia, 2023

    Die Podcast-Episode Nr. 91 zum neuen Buch von Mariano Sigman – Die Macht der Worte von Yvo Wüest ist ab dem 4.01.24 hier zu hören.

    Podcastgespräch Nr. 71 bei “Education Minds – Didaktische Reduktion und Erwachsenenbildung” mit Béatrice Kuster zum Thema “Das Wunder in uns – Positive Psychologie und Growth Mindset für ein erfülltes Leben”

    Hintergrundinfo zu den “Klima-Dialogen” nach David Bohm, der eine ähnlichen Perspektive wie Mariano Sigman bezüglich der Unterscheidung Dialog vs. Diskussion einnimmt.

    The Power of Words: Unlock the Secret Science of Conversation, Mariano Sigman, Macmillan Business, Stuttgart, 25. April 2024

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