Skip to content

41: Was wir in Paris von den “Passagen” über Empathie und Lernprozesse lernen können

    Diese Woche bin ich beruflich für einige Tage in Paris. Ich vereinbarte mehrere analoge Gespräche und Termine für die Podcastreihe “Education Minds” und treffe mich mit Kolleg:innen aus meinem Netzwerk für einen freundschaftlichen Austausch in einem der zahlreichen hübschen Cafés.

    Dazwischen gönne ich mir kleine freie Zeitfenster und suche, wie schon auf vorherigen Reisen, einige meiner “Lieblingspassagen” auf, jene für Paris typischen, von einzelnen Geschäften gesäumten Durchgänge zwischen den Häusern, wie sie früher häufig und heute nur noch vereinzelt in der französischen Metropole zu finden sind.

    In diesem Text reflektiere ich über die Verbindung, die ich zwischen den “Passagen” und der Erwachsenenbildung sehe. Denn diese überdachten Einkaufsgalerien, die im 19. Jahrhundert als Zufluchtsorte vor dem Regen und dem geschäftigen Treiben der Stadt entstanden, bieten eine anschlussfähige Metapher für die Gestaltung erfolgreicher Lernprozesse.

    Der TGV Lyria verbindet Zürich in wenigen Stunden mit Paris …

    Die Geschichte der Pariser Passagen

    1830, zu ihrer besten Zeit, gab es etwa 140 Passagen in Paris. Die exquisiten Spazier- und Flanierwege boten ein völlig neues Einkaufsgefühl. Im Prinzip repräsentierten die “Durchgänge” die Blütezeit einer neuen, grossstädtischen Form der Warenpräsentation. Sie boten vor allem den Wohlhabenden eine Bühne, um gemessenen Schrittes an den Luxusgeschäften entlang zu flanieren, die raffiniert dekorierten Schaufenster zu bewundern und sich dabei in aller Ruhe gegenseitig zu begutachten.

    Heute werden die Fußgängerzonen in Paris ständig erweitert, aber das Konsumverhalten hat sich in Zeiten von Amazon und Zalando verändert und nur wenige Passagen haben es in die Neuzeit geschafft. In einem Merian-Heft las ich vor einigen Jahren, dass damals arrogante Dandies ihre Schildkröten durch die Passagen führten, um aller Welt zu zeigen, dass abstrakte Kategorien wie “Zeit” oder “Arbeit” für sie völlig irrelevant seien.

    «Um 1840 gehörte es vorübergehend zum guten Ton, Schildkröten in den Passagen spazieren zu führen. Der Flaneur liess sich gern sein Tempo von ihnen vorschreiben. Wäre es nach ihm gegangen, so hätte der Fortschritt diesen pas lernen müssen. Aber nicht er behielt das letzte Wort, sondern Taylor, der das ‹Nieder mit der Flanerie› zur Parole machte.»

    Walther Benjamin, 1932 , weitere Hinweise in „Das Passagen-Werk“, Bd.1, edition suhrkamp, 1983, S. 532

    Mein Interesse an den Passagen und an “Durchgängen”

    In diesen Tagen habe ich eine Solo-Episode in der Podcastreihe “Education Minds – Didaktische Reduktion und Erwachsenenbildung” veröffentlicht. In der Folge Nr. 99 “Blick hinter die Kulissen eines Bildungspodcasts” erzähle ich auch etwas über meinen beruflichen Werdegang.

    Nachdem ich ursprünglich Dolmetscher und Übersetzer in Zürich, London und Salamanca studierte, einige Jahre in der Internationalen Zusammenarbeit in der Karibik und Andenstaaten arbeitete, bin ich inzwischen über zwei Jahrzehnten in der Erwachsenenbildung tätig. Dabei hatte ich die Gelegenheit, die Entwicklung verschiedener Lernansätze zu beobachten und zu begleiten.

    Lena Drevermann schreibt auf ihrer Webseite “Paristipps” über 14 der rund 20 verbliebenen Passagen in Paris.

    Mein Weg führte mich durch verschiedene Bildungskontexte, von der Konzeption und Durchführung traditioneller Deutschkurse für Migrant:innen über Sprach- und Kulturseminare, die ich in Kuba organisierte, bis hin zu Mandaten auf allen Stufen des AdA-Baukastens zurück in der Schweiz und Inhouse-Trainings zur “Didaktischen Reduktion” hier und international.

    Wenn ich heute dankbar auf diesen Entwicklungsweg zurückblicke, kann ich sagen, dass ich in jeder Konstellation und in jedem Team von Kursleitenden und Dozierenden sowie im Austausch mit Teilnehmenden und Studierenden wertvolle Erfahrungen gemacht habe. Gleichzeitig habe ich immer wieder “Orte der Reflexion” außerhalb dieser formalen Bildungslandschaft gesucht und die historischen Passagen von Paris, die im 19. Jahrhundert als Zufluchtsorte vor dem Regen und der Hektik der Stadt entstanden sind, bieten nach meinem Verständnis eine überzeugende Metapher für gelingende Lernprozesse.

    Lernen braucht einen geschützten Raum

    Die Pariser Passagen mit ihrem Charme und ihrer Geschichte erinnern uns daran, dass Lernen nicht nur ein Weg von A nach B ist. Es ist vielmehr ein geschützter Raum, in dem wir flanieren, entdecken und uns entwickeln können, ohne von den Unwägbarkeiten des Lebens gestört zu werden. Diese Passagen spiegeln die Idee wider, dass Bildung ein sicherer Ort sein sollte, an dem wir uns wohl fühlen, Neues entdecken und unsere Persönlichkeit entwickeln können.

    Wie wichtig dieser geschützte Raum für die persönliche Entwicklung ist, zeigt ein aktuelles Ereignis in Frankreich. Oft sind es tragische Anlässe, die uns als Gesellschaft zu großen Fortschritten anspornen. Ein besonders trauriger Vorfall ereignete sich im September 2023, als ein 15-jähriger Junge seinem Leben ein Ende setzte, weil er von seinen Mitschülerinnen und Mitschülern gehänselt wurde und die Schulleitung nicht angemessen auf die Sorgen seiner Eltern reagierte. Dieses tragische Ereignis ist leider kein Einzelfall, hat aber zu einer wichtigen Veränderung in der französischen Bildungspolitik geführt.

    Empathie als Schulfach, NZZ, 25.11.23

    Frankreich führt das Fach “Empathie” in der Schule ein

    Als Reaktion auf diesen Vorfall hat die französische Regierung beschlossen, ab dem Schuljahr 2024 das Fach “Empathie” in den Bildungseinrichtungen einzuführen. Kindergärten und Grundschulen sollen künftig neben den klassischen Kompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen auch Unterrichtseinheiten anbieten, die auf Mitgefühl und Verständnis für andere abzielen. Als Vorbild dient Dänemark, wo bereits seit 2005 Empathie gelehrt wird. Dort haben Rollenspiele und Toleranzerziehung zu einem Rückgang der Mobbingfälle geführt. Frankreich erhofft sich ähnliche Erfolge, indem Kinder nicht nur mit Wissen, sondern auch mit Fähigkeiten ausgestattet werden, um gesunde und mitfühlende Erwachsene zu werden.

    Eingangstor zur Passage Brady in Paris, Foto Yvo Wüest 05.03.24

    Schulen in mehreren Ländern gehen ähnliche Wege

    In Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien haben bereits 180 Schulen das innovative Fach “Glück” in ihren Lehrplan integriert, mit einer wachsenden Zahl an Nachfolgern. Dieses Fach, eingeführt von dem Heidelberger Schulleiter Fritz Schubert im Jahr 2007, zielt darauf ab, Schülerinnen und Schüler in die Lage zu versetzen, mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen und psychologisches Wohlbefinden zu fördern. Schubert differenziert zwischen Zufallsglück und einem Glückszustand, der durch das Erreichen von Zielen entsteht. Das Curriculum basiert auf verschiedenen pädagogischen und gesundheitstheoretischen Ansätzen, wie der Logotherapie, der Kompetenztheorie von Heinrich Roth und der Salutogenese, die Gesundheitsentstehung statt Krankheitsursache fokussiert. Ziel ist es, Schülern beizubringen, bewusst mit Lebenshöhen und -tiefen umzugehen, indem sie Lebensziele definieren und ihre eigenen Grenzen erkennen.

    In der französischen Tageszeitung “Libération” findet sich ein Beitrag zum dänischen Konzept “Frei von Mobbing”, 21.02.23

    Empathiepädagogik und “Fri for Mobberi” in Dänemark

    Es gibt viele Argumente für die Wirksamkeit von Empathiepädagogik. In Kopenhagen heißt das dänische Konzept „Fri for Mobberi“, übersetzt „Frei von Mobbing“. Ziel dieses Programms ist es, Kindern und Jugendlichen durch Rollenspiele einen besseren Zugang zu ihren eigenen Gefühlen und den Gefühlen ihrer Mitmenschen zu ermöglichen. In diesen Rollenspielen nehmen die Teilnehmer verschiedene Rollen ein: eine als Täter, eine als Opfer und eine als Zeuge, der entweder passiv bleibt oder aktiv eingreift.

    Diese Entwicklung unterstreicht eine wichtige Erkenntnis, die ich während meinen Spaziergängen in den Passagen von Paris gewonnen habe: Bildung geht weit über die Vermittlung von Wissen hinaus. Sie muss den Lernenden helfen, sich zu ganzen Menschen zu entwickeln, die mit ihren Gefühlen umgehen, ihren Geist beruhigen und dem Fremden mit Offenheit und Neugier begegnen können. Hätten wir alle früh gelernt, unsere Gefühle zu verstehen und zu regulieren, wären uns viele Sinnkrisen und Konflikte erspart geblieben.

    Passage Ponceau, Paris, Foto Yvo Wüest 05.03.24

    Erwachsenenbildung der Zukunft

    Das Konzept der Pariser Passagen bietet eine hilfreiche Metapher für die Gestaltung von Lernprozessen, insbesondere in der Erwachsenenbildung. Diese historischen “Verbindungswege” waren nicht nur physische Durchgänge, sondern symbolische Pfade, die neue Perspektiven und Möglichkeiten eröffneten. Sie erlaubten es den Menschen, die Stadt auf eine andere Art und Weise zu erleben, geschützt vor den Unwägbarkeiten des Wetters und den Anforderungen des Alltags.

    Ähnlich verhält es sich mit einem professionell und einladend gestalteten Lernprozess: Er sollte ein geschützter Raum sein, in dem Individuen die Freiheit haben, zu entdecken, zu reflektieren und sich ohne den Druck äußerer Zwänge zu entwickeln. Die Passagen in Paris waren Orte des Staunens und der Neugier, Eigenschaften, die für ein tiefgehendes Lernen unerlässlich sind. Sie luden zum Verweilen ein, zum sorgfältigen Betrachten der Schaufensterauslagen, zum Austausch mit anderen Flaneuren.

    Blick über den Tellerrand

    In ähnlicher Weise sollte Bildung Neugier wecken und die Lernenden dazu anregen, über den Tellerrand hinaus zu denken und sich mit Ideen und Konzepten auseinanderzusetzen, die außerhalb ihrer gewohnten Denkmuster liegen.

    Die Einführung des Fachs “Empathie” in Frankreich und ähnliche Bildungsinnovationen weltweit zeigen, dass es ein wachsendes Interesse gibt, Lernumgebungen zu schaffen, die über die Vermittlung von Fachwissen hinausgehen. Dabei geht es auch darum, die Förderung der Softskills zu unterstützen, die in unserer heutigen Gesellschaft immer wichtiger werden. Diese Kompetenzen, wie die Fähigkeit, Empathie zu zeigen, Konflikte zu lösen und kritisch zu denken, sind essenziell für das Zusammenleben in unserer zunehmend vernetzten Welt.

    Die Pariser Passagen und ihre Rolle als Zentren des sozialen und kulturellen Austauschs können uns wertvolle Einsichten darüber geben, wie wir Bildungsumgebungen gestalten sollten. Sie lehren uns, dass Lernprozesse am besten in Umgebungen gedeihen, die Sicherheit bieten und gleichzeitig zur Exploration einladen. Sie unterstreichen die Bedeutung des Aufbaus von Gemeinschaften, in denen Menschen sich gegenseitig unterstützen und voneinander lernen können.

    SRF berichtet in der Reihe “Passagen” am 25.06.23 in einem Beitrag von Yvonne Scherrer über aktuelle Entwicklungen in der Schweiz

    Fazit

    Die Geschichte der Pariser Passagen und die jüngsten Entwicklungen in der französischen Bildungspolitik lehren uns, dass Lernumgebungen – ob physisch oder metaphorisch – Orte des Schutzes und der persönlichen Entwicklung sein müssen. Sie erinnern uns daran, dass der wahre Bildungserfolg nicht nur in der Anhäufung von Wissen liegt, sondern in der Fähigkeit, empathische, belastbare und offene Individuen zu formen.

    Würden mehr Menschen schon in jungen Jahren lernen, ihre Gefühle wahrzunehmen und konstruktiv damit umzugehen, ihren Verstand zu beruhigen oder dem Fremden mit Neugier zu begegnen, blieben ihnen manche Sinnkrisen und Konflikte in der Adoleszenz erspart.

    Als Bildungsexperten ist es unsere Aufgabe, solche Umgebungen zu schaffen und zu erhalten. Wir müssen uns ständig fragen, wie wir die Lernenden am besten unterstützen können, nicht nur in ihrer akademischen, sondern auch in ihrer persönlichen Entwicklung. Indem wir die Prinzipien, die die Pariser Passagen so besonders machen – Schutz, Neugier und Gemeinschaft – in unsere Bildungspraxis integrieren, können wir dazu beitragen, dass Lernen zu einer bereichernden und transformierenden Erfahrung wird, die weit über das Klassenzimmer oder den Kursraum hinausreicht.

    Ressourcen

    Podcastreihe Education Minds – Didaktische Reduktion und Erwachsenenbildung bei Spotify: https://open.spotify.com/show/2ruXCnmxoyy2QrCqb3wQS0?si=7677c49bca834a71

    Podcastreihe Education Minds – Didaktische Reduktion und Erwachsenenbildung bei youTube:

    Podcastgespräch mit Béatrice Kuster “Das Wunder in uns: Positive Psychologie und Growth Mindset für ein erfülltes Leben” bei Education Minds: https://open.spotify.com/episode/2sQIlDxuWgx2RjzG1hMQsT?si=DE_szaAOQA6PHA0OG2QGgA

    Eine Untersuchung der Universität Mannheim von 2011 belegt positive Auswirkungen auf das subjektive Wohlbefinden und auf die Urteils- und Handlungsfähigkeit der Schüler, wenn das Konzept “Glück” in den Mittelpunkt der pädagogischen Überlegungen gestellt wird.

    Kommentar

    Your email address will not be published. Required fields are marked *