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42: Die Ausstellung von Jeff Wall in Basel und Storytelling in der Erwachsenenbildung

    Letzten Sonntag besuchte ich die aussergewöhnliche Ausstellung des kanadischen Künstlers Jeff Wall in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel. Diese umfassende Einzelausstellung, die in enger Zusammenarbeit mit Jeff Wall selbst entstanden ist, ist die erste Werkschau des Künstlers in der Schweiz seit fast zwei Jahrzehnten. Sie bietet die seltene Gelegenheit, das Werk eines Künstlers zu erleben, der seit den späten 1970er Jahren entscheidend zur Anerkennung der Fotografie als eigenständiges künstlerisches Medium beigetragen hat.

    In diesem Beitrag reflektiere ich über die empfehlenswerte Ausstellung und den Ansatz des “Storytelling” in der Bildungsarbeit. Die Ausstellung ist noch bis zum 24.04.24 in Basel zu sehen.

    Ähnlich wie bei einem Wimmelbild verraten bei Jeff Walls „After ,Invisible Man’ by Ralph Ellison, the Prologue“ (1999/2000) erst der Blick auf die Details das große Ganze.

    Die aktuelle Ausstellung in der Fondation Beyeler

    Jeff Wall, der oft als Begründer der „inszenierten Fotografie“ bezeichnet wird, schafft großformatige, komplex komponierte Fotografien, die alltägliche Szenen in ein neues Licht rücken oder von der Kunstgeschichte inspiriert sind. Seine Arbeiten, die sich durch eine fast filmische Qualität auszeichnen, sind bekannt für ihre tiefgreifenden narrativen und visuellen Schichtungen. Die Ausstellung in der Fondation versammelt 55 seiner Werke aus internationalen Museen und Privatsammlungen sowie aus dem Nachlass des Künstlers und zeigt sowohl seine ikonischen Dialeuchtkästen als auch Schwarz-Weiß-Fotografien und farbige Fotoprints. Einige seiner neueren Arbeiten werden zum ersten Mal öffentlich gezeigt.

    Jeff Walls Bildungshintergrund und seine frühen wissenschaftlichen und lehrenden Tätigkeiten, unter anderem am Courtauld Institute of Art und als Professor für Fotografie an der Kunstakademie Düsseldorf, zeigen seine tiefe Verwurzelung in Theorie und Praxis der Kunst. Sein Ansatz, der Fotografie durch digitale Techniken und sorgfältige Inszenierungen eine neue Dimension zu verleihen, hat nicht nur die Fotografie selbst, sondern auch die Art und Weise, wie wir Kunst wahrnehmen und interpretieren, nachhaltig beeinflusst.

    Der kanadische Künstler Jeff Wall sprach in der Fondation über sein Schaffen und die aktuelle Ausstellung, die vom 28. Januar bis 21. April 2024 in Basel zu sehen ist.

    Storytelling in der Erwachsenenbildung und im beruflichen Kontext

    Geschichten sind ein kraftvolles Mittel, um komplexe Ideen verständlich und einprägsam zu vermitteln. Sie ermöglichen es, Lerninhalte in einen breiteren Kontext zu setzen, wodurch das Verständnis vertieft und eine dauerhafte Erinnerung geschaffen wird. Durch Erzählungen können Theorie und Praxis auf eine Weise miteinander verknüpft werden, die sowohl einprägsam als auch inspirierend ist. Dies ist besonders wichtig in der Erwachsenenbildung, wo Lernende oft versuchen, das Gelernte direkt in ihren Alltag oder ihren beruflichen Kontext zu integrieren.

    Im Kontext der Erwachsenenbildung gewinnt Storytelling als effektives Instrument zur Förderung des Lernprozesses zunehmend an Bedeutung. Die narrative Pädagogik, also das Lehren durch Geschichten, ist tief in der menschlichen Kultur verwurzelt und nutzt die angeborene Fähigkeit des Menschen, durch Erzählungen zu lernen und zu lehren.

    In der betrieblichen Bildungsarbeit kann Storytelling dazu beitragen, komplexe Geschäftsstrategien zu vermitteln oder Lernerfahrungen zu personalisieren. Beispielsweise kann eine Erzählung über die Entwicklung eines neuen Dienstleistungsangebots, die Teamarbeit und strategische Planung erforderte, effektiver sein als die bloße Präsentation von Umsatzzahlen. Solche Geschichten können die Mitarbeitenden inspirieren und ihnen konkrete Beispiele für die Entwicklung neuer Angebote liefern.

    Ausstellungsplakat der Fondation Beyeler “Jeff Wall” vom 28.01. bis 21.04.24

    Definition des Begriffs “Storytelling”

    Unter Storytelling in der Erwachsenenbildung verstehen wir die Anwendung narrativer Techniken zur Gestaltung und Durchführung von Lernprozessen, bei denen Geschichten genutzt werden, um komplexe Inhalte verständlich, einprägsam und ansprechend zu vermitteln. Diese Methode baut auf der grundlegenden menschlichen Fähigkeit auf, durch Erzählungen zu lernen und zu kommunizieren, indem sie Wissen und Erfahrungen in einen kontextuellen und emotional ansprechenden Rahmen einbettet.

    Im Gegensatz zu traditionellen Lehrmethoden, die häufig auf abstrakte und theoretische Darstellungen angewiesen sind, ermöglicht Storytelling eine tiefere emotionale und kognitive Verbindung zum Lernstoff. Sie fördert das Engagement, die Erinnerungsfähigkeit und das Verständnis der Lernenden, indem es persönliche Erfahrungen, kulturelle Erzählungen oder fiktive Szenarien nutzt, um Lernziele auf eine Weise zu vermitteln, die sowohl persönlich relevant als auch universell verständlich ist. In meinen Trainings und Fachbüchern zur Erwachsenenbildung verwende ich gerne Storytelling und sehe darin eine zusätzliche Möglichkeit, die Vielfalt der Lernstile zu berücksichtigen und die Lernenden emotional anzusprechen.

    Die Verbindung zum Thema “Storytelling in der Erwachsenenbildung

    Die Kunstausstellung von Jeff Wall in der Fondation Beyeler ist für mich ein schönes Beispiel dafür, wie wir Storytelling in der Bildungsarbeit einsetzen können. Walls Fotografien, die Alltagsszenen und historische Bezüge aufgreifen, erzählen Geschichten, die die Betrachter:innen sowohl emotional als auch intellektuell ansprechen. Wenn wir “Storytelling” in der Erwachsenenbildung einsetzen, können wir die Teilnehmer:innen dazu anregen, über die Bedeutung der erzählten Geschichten oder “Bilder” nachzudenken, ihre eigenen Interpretationen zu entwickeln und zu diskutieren, wie Kunst als Medium des “Storytelling” zur Vermittlung komplexer Ideen und Sachverhalte eingesetzt werden kann.

    Geschichten sind ein mächtiges Mittel, um komplexe Ideen verständlich und einprägsam zu vermitteln. Sie ermöglichen es, Lerninhalte in einen größeren Kontext zu stellen, wodurch das Verständnis vertieft und eine nachhaltige Erinnerung geschaffen wird. Erzählungen können Theorie und Praxis auf einprägsame und inspirierende Weise verbinden. Dies ist besonders wichtig in der Erwachsenenbildung, wo Lernende das Gelernte oft direkt in ihren Alltag oder ihren beruflichen Kontext integrieren wollen.

    Jeff Walls „A Sudden Gust of Wind (After Hokusai)“ aus dem Jahr 1993 nimmt direkten Bezug auf den Farbholzschnitt „Ejiri in der Provinz Suruga“ des japanischen Meisters von 1830/32.

    Konkretes Beispiel für die Anwendung der Methode “Storytelling in der Erwachsenenbildung”

    Im Rahmen meiner Trainings zum Thema “Didaktische Reduktion” verwende ich gerne eine Anekdote, die ich auch in meinem dritten Fachbuch “Mini-Handbuch Didaktische Reduktion” als Praxisbeispiel 1 auf Seite 19 beschrieben habe.

    Es geht darum, den Teilnehmenden die Bedeutung von Vereinfachung und Konzentration auf das Wesentliche zu vermitteln. Dazu erzähle ich die Geschichte der unterschiedlichen Herangehensweisen der USA und der Sowjetunion bei der Lösung eines Raumfahrtproblems: der Entwicklung eines Schreibgerätes, das unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit funktioniert.

    In den Anfängen der Raumfahrt standen beide Nationen vor der Herausforderung, ihren Astronauten bzw. Kosmonauten ein geeignetes Schreibgerät für den Weltraum zur Verfügung zu stellen. Die USA investierten erhebliche Mittel in die Entwicklung eines speziellen Kugelschreibers, des Space Pen, der auch unter den extremen Bedingungen der Schwerelosigkeit, bei unterschiedlichen Temperaturen und auf verschiedenen Oberflächen zuverlässig funktionieren sollte. Dieser Stift wurde zu einem Symbol für technologische Innovation und Fortschritt.

    Die Sowjetunion hingegen entschied sich für eine wesentlich einfachere und kostengünstigere Lösung: Sie gab ihren Kosmonauten einfach Bleistifte mit. Diese pragmatische Lösung funktionierte auch im Weltraum und erforderte keine aufwendige technologische Entwicklung.

    Auftrag an die Lernenden

    Ich nutze diese Geschichte als Metapher, um das Prinzip der didaktischen Reduktion zu illustrieren. Dabei geht es darum, Lehrinhalte so zu vereinfachen und auf das Wesentliche zu reduzieren, dass sie von den Lernenden leichter verstanden, behalten und angewendet werden können. In der Bildungsarbeit ist es nicht immer notwendig, die komplexesten oder technologisch fortschrittlichsten Lösungen zu finden. Stattdessen kann es oft zielführender sein, sich auf einfache, aber effektive Methoden zu konzentrieren, die den Lernenden den Zugang zu den Lerninhalten erleichtern.

    Die Diskussion dieser Geschichte in der Gruppe kann die Teilnehmenden dazu anregen, über die Bedeutung von Einfachheit in Lehr- und Lernprozessen nachzudenken. Es kann diskutiert werden, wie oft die einfachste Lösung die effektivste sein kann und wie dieses Prinzip auf die Gestaltung von Lehrmaterialien und -methoden angewendet werden kann.

    In meinen Trainings lernen die Teilnehmenden, dass didaktische Reduktion nicht nur eine Vereinfachung von Inhalten bedeutet, sondern auch eine strategische Entscheidung ist, um Lernen effizienter und zugänglicher zu machen. Die Geschichte vom Space Pen vs. Bleistift bietet einen anschaulichen und einprägsamen Anknüpfungspunkt, um das Konzept der didaktischen Reduktion und seine Anwendung in der Praxis zu verstehen.

    Fazit

    Die Ausstellung ist nicht nur eine Hommage an Jeff Walls außergewöhnliches Talent und seinen Beitrag zur zeitgenössischen Kunst, sondern auch eine einzigartige Gelegenheit, den Entwicklungsprozess eines Künstlers näher zu betrachten.

    Storytelling in der Erwachsenenbildung eröffnet innovative Wege, um Lerninhalte lebendig und nachhaltig zu gestalten. Die Methode spricht unterschiedliche Lernstile an und fördert ein tieferes Verständnis sowie eine langfristige Erinnerung an das Gelernte. Durch die Integration von Geschichten in den Lernprozess, sei es durch persönliche Erzählungen, Fallstudien oder die Analyse von Kunstwerken wie die von Jeff Wall, können Bildungsfachleute die Motivation und das Engagement der Lernenden deutlich steigern.

    Die Ausstellung bietet daher nicht nur einen Einblick in die Entwicklung der zeitgenössischen Fotografie und die Transformationen des Künstlers, sondern dient auch als wertvolle Inspirationsquelle, um die Prinzipien des Storytelling in der Erwachsenenbildung zu veranschaulichen und anzuwenden.

    Ressourcen

    Podcastgespräch mit Michael Kühl-Lenjer “Lernen mit Hirn” bei Education Minds

    Webseite zur Ausstellung in der Fondation Beyeler vom 28.01. bis 21.04.24

    Yvo Wüest, Mini-Handbuch Didaktische Reduktion, Beltz 2022

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