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44: Von Dominique Goblet und ihrer Ausstellung “Abysses” über kollaboratives Arbeiten lernen

    Letzten Sonntag besuchte ich die Ausstellung “Abysses” von Dominique Goblet im Cartoonmuseum Basel – Centre for Narrative Art. Der Titel ist treffend gewählt, denn es handelt sich im Prinzip um eine “Retrospektive der Untiefen des Lebens”. In diesem Beitrag reflektiere ich über diese bemerkenswerte Ausstellung und die Bedeutung von kollaborativem Arbeiten und Lernen in der Erwachsenenbildung. Die Ausstellung ist bis zum 26.05.24 geöffnet.

    Eingang zum Cartoonmuseum in Basel im März 2024

    Dominique Goblet und der Ausstellungsort in Basel

    In mehreren kleinen, übereinanderliegenden Räumen, die ganz der narrativen Kunst gewidmet sind, präsentiert das Cartoonmuseum Basel eine beeindruckende Übersicht, die das weitläufige Schaffen der belgischen Künstlerin Dominique Goblet beleuchtet.

    Geboren 1967 in Brüssel, hat sich Goblet als eine der prägendsten Gestalten der franko-belgischen Comic-Szene etabliert. Ihre Arbeiten, die in der Ausstellung „Untiefen“ zu sehen sind, beschäftigen sich mit dem menschlichen Miteinander und erkunden das soziale Gefüge und die gesellschaftlichen Zustände mit einer Intensität, die selten in der grafischen Literatur zu finden ist.

    Dominique Goblet, Austellung “Abysses”, Cartoonmuseum Basel, März 2024

    Goblets Spezialität: Graphic Novels

    Goblets Graphic Novels sind bekannt für ihre subtilen und raffinierten Darstellungen, mit denen sie komplexe Beziehungen und emotionale Tiefen auslotet. Ihre international gefeierte autobiografische Geschichte „So tun als ob heißt lügen“ (2007), in der sie die Beziehung zu ihrem alkoholkranken Vater und ihrer Mutter über einen Zeitraum von zwölf Jahren verarbeitet, ist ein Paradebeispiel für ihre Fähigkeit, persönliche Erfahrungen mit universeller Resonanz zu verweben.

    In der Ausstellung bestaunen wir Originalzeichnungen und -gemälde, die von Landschaften bis zu Porträts reichen, ergänzt durch Keramikarbeiten, die einen Einblick in Goblets umfangreiches zeichnerisches und gestalterisches Universum geben. Wir Besucher*innen werden eingeladen, die enorme Bandbreite ihrer künstlerischen Ausdrucksformen zu erkunden, von fragilen und gleichzeitig kraftvollen Linienzeichnungen über abstrakte Malerei bis hin zu einer freien, assoziativen Erzählweise.

    Kollaboratives Arbeiten und gedanklicher Austausch

    Neben ihren Soloarbeiten zeigt die Retrospektive auch Goblets Fähigkeit zum kollaborativen Schaffen. Besonders beeindruckt mich ihre Zusammenarbeit mit dem Berliner Illustrator und Autor Kai Pfeiffer in „Bei Gefallen auch mehr …“ (2014) und mit dem belgischen Art Brut Künstler Dominique Théate für die Graphic Novel „L’Amour dominical“ (2019). Diese Kooperationen bereichern Goblets Werk um zusätzliche Perspektiven und unterstreichen ihre Offenheit für experimentelle Ansätze und neue künstlerische Dialoge.

    Die Graphic Novel “Bei Gefallen auch mehr …” handelt von einer alleinerziehenden Mutter, die sich auf der Suche nach einem Partner im Dschungel des Online-Datings verliert. Durch die Augen der namenlosen Frau entfaltet sich ein vielschichtiges Bild des algorithmusgesteuerten und herausfordernden Online-Datings. Ihr Zuhause spiegelt ein chaotisches Leben wider, das von unerfüllten Träumen und der Abwesenheit ihrer Tochter geprägt ist. Während sie ihr Dating-Profil formuliert, wechselt die Erzählung zwischen persönlichen Reflexionen und der stereotypen Darstellung potenzieller Partner im Online-Dating.

    Das Werk zeichnet sich durch stilistische Brüche und den Wechsel zwischen realistischen und überzeichneten Darstellungen aus, die die Monotonie und Oberflächlichkeit des Online-Datings kritisch beleuchten. Als roter Faden dient der immer wiederkehrende Satz “Bei Gefallen auch mehr”, dessen Bedeutung im Unklaren bleibt während die Story im weiteren Verlauf zunehmend abstrakter wird.

    Goblet bricht bewusst mit konventionellen Erzählweisen und mischt realistische Elemente mit surrealen Ausflügen. Trotz der hohen Qualität der physischen Ausgabe bleibt die Geschichte für mich als Leser emotional distanziert und schwer greifbar, was vielleicht beabsichtigt ist, um die Entfremdung im digitalen Zeitalter stärker zu thematisieren.

    Bei Gefallen auch mehr …
    Text & Zeichnung: Dominique GobletKai Pfeiffer, Avant 2019

    Über das Buch “L’amour dominical”

    L’amour dominical” hingegen, das sie in zwölfjähriger (!) Zusammenarbeit mit Dominique Théate entwickelt hat, ist eine außergewöhnliche Mischung aus Humor, Drama und Fantasie. Das Werk verbindet autobiografische Texte von Théate, einem Künstler mit kognitiven Einschränkungen, mit den Illustrationen von Goblet. Hinzu kommt eine fiktive Geschichte über Hulk Hogan und eine faszinierende Frau mit blauem Bart, die der Imagination Théates entsprungen ist.

    Auch dieses Projekt, das in Zusammenarbeit mit dem Comic-Kollektiv Frémok und dem „S“ Grand Atelier entstanden ist, bricht mit den konventionellen Strukturen des Comics und dringt in die Bereiche der bildenden Kunst und der Literatur vor. Die Lebensgeschichte von Théate, die von einem schweren Motorradunfall geprägt ist, fließt in das Werk ein und wird durch die pastellfarbenen Illustrationen von Goblet lebendig. Das Buch erzählt nicht nur von den Erlebnissen und Träumen Théates, sondern auch von der tiefen künstlerischen Verbundenheit der beiden Autoren.

    Dominique Goblet, Austellung “Abysses”, Cartoonmuseum Basel, März 2024

    Reflexion über kollaboratives Arbeiten in der Erwachsenenbildung

    Nach dem Besuch der sehenswerten Ausstellung habe ich mir einige Gedanken gemacht, wie diese von der Künstlerin Dominique Goble beispielhaft vorgelebte Zusammenarbeit und der Gedankenaustausch unter Künster:innen bei Bildungsfachleuten aussehen könnte.

    Ich fasse hier stichwortartig zusammen:

    Vielfältige Perspektiven: Kollaboration bringt Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, Erfahrungen und Fachkenntnissen zusammen. Diese Diversität bereichert tendenziell den Lernprozess, da sie vielfältige Perspektiven und Lösungsansätze hervorbringt. Für die Lehrenden bedeutet dies, dass sie nicht nur ihr Wissen weitergeben, sondern auch Neues lernen und ihre Lehrmethoden weiterentwickeln können.

    Förderung der Soft Skills: Teamarbeit stärkt kommunikative Fähigkeiten, Empathie und das Verständnis für die Arbeitsweisen anderer. Diese Soft Skills sind in der heutigen Arbeitswelt unerlässlich. Lehrende, die kollaboratives Arbeiten fördern, bereiten ihre Studierenden nicht nur fachlich, sondern auch persönlich auf zukünftige Herausforderungen vor.

    Flexibilität und Anpassungsfähigkeit: Die Fähigkeit, sich schnell auf neue Situationen einzustellen und mit verschiedenen Menschen effektiv zusammenzuarbeiten, ist ein Zeichen von Professionalität und Reife. Kollaboratives Arbeiten lehrt sowohl Lehrende als auch Lernende, flexibel zu sein und fördert eine Kultur der kontinuierlichen Verbesserung.

    Von der Theorie zur Praxis

    Wie könnte kollaboratives Lernen in der Bildungsarbeit umgesetzt werden? Mir sind diese Gedanken gekommen:

    Projektbasiertes Lernen: Bei dieser Methode arbeiten Lernende in Gruppen an konkreten Projekten, die echte Herausforderungen simulieren oder reale Probleme lösen. Lehrende fungieren hierbei als Moderatoren und Coaches, die den Prozess unterstützen, anstatt nur Inhalte zu vermitteln.

    Peer-Teaching: Diese Methode ermöglicht es den Lernenden, sich gegenseitig zu unterrichten und voneinander zu lernen. Dies fördert nicht nur das Verständnis des Stoffes, sondern auch die Fähigkeit, Wissen klar und verständlich weiterzugeben.

    Interdisziplinäre Teams: In solchen Teams kommen Lehrende aus verschiedenen Fachbereichen zusammen, um gemeinsam Lehrpläne zu entwickeln oder Projekte zu betreuen. Dies fördert den Austausch von Fachwissen und bietet eine ganzheitlichere Sicht auf Lerninhalte.

    Fazit

    Das Cartoonmuseum Basel bietet mit dieser Ausstellung einen faszinierenden Einblick in das Schaffen einer Künstlerin, deren Werk die Grenzen des Comics sprengt und neue Dimensionen des grafischen Erzählens eröffnet. Wer sich auf die Reise in die „Untiefen“ der Welt von Dominique Goblet begibt, dem offeriert die Ausstellung ein aussergewöhnliches Erlebnis einer künstlerischen Auseinandersetzung mit den Abgründen des Lebens.

    Kollaboratives Lernen ist weit mehr als eine didaktische Methode; es ist eine Grundhaltung, die den Wert von Gemeinschaft und gegenseitigem Respekt betont. Es bereitet sowohl Lehrende als auch Lernende darauf vor, in einer vernetzten Welt erfolgreich zu sein, in der Zusammenarbeit der Schlüssel zu Innovation und Fortschritt ist. Durch die Integration kollaborativer Methoden in die Lehre fördern wir nicht nur fachliche Kompetenzen, sondern auch soziale und kommunikative Fähigkeiten, die in Zukunft mit Sicherheit noch bedeutsamer werden.

    Ressourcen

    Webseite des Cartoonmuseums Basel

    Hintergrundinformationen zur Künstlerin Dominique Goblet beim Avant-Verlag.

    Dominique Goblet, So tun als ob heisst lügen, Avant 2017

    Bericht bei Swissinfo zur Ausstellung mit dem Titel “Abtauchen in den tiefschürfenden Kunstkosmos von Dominique Goblet” vom 29.02.24

    Podcastgespräch mit Franz Vergöhl zu “Studentische Partizipation für Bildungsinnovation”, Education Minds, 2024

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