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48: Das Dagstuhl-Dreieck und die Perspektiven Digitaler Bildung

    Im Frühjahr 2016 fand auf Schloss Dagstuhl ein aussergewöhnliches Zusammentreffen von Experten aus unterschiedlicher Disziplinen statt. Vertreter aus Informatik, Medienpädagogik, Medienwissenschaft und der Wirtschaft kamen zusammen, um eine gemeinsame Verantwortung zu diskutieren: die informationstechnologische Grundbildung.

    In einer wegweisenden Erklärung forderten sie eine tiefgreifende Integration informatischer, medienpädagogischer und medienwissenschaftlicher Inhalte in schulischen Curricula. Das daraus resultierende Konzept, bekannt als das Dagstuhl-Dreieck, symbolisiert die Notwendigkeit, die digitale Bildung aus drei entscheidenden Perspektiven zu betrachten: dem Verständnis der Technologie (“Wie funktioniert das?”), der Nutzung der Technologie (“Wie nutze ich das?”) und den Auswirkungen der Technologie auf die Gesellschaft (“Wie wirkt das?”).

    Im folgenden Beitrag reflektiere ich dieses Modell und zeige auf, wie es unseren Blick auf die digitale Bildung verändert kann

    CC-BY-SA Beat Döbeli Honegger und Renate Salzmann

    Das Dagstuhl-Dreieck: Ein Paradigma für digitale Bildung

    Ein integratives Modell entsteht

    Didaktisch verkürzt könnte man sagen, dass das Dagstuhl-Dreieck das Produkt einer Tagung im Frühjahr 2016 ist, bei der Informatiker und Medienpädagogen die scheinbar divergierenden Sichtweisen ihrer jeweiligen Disziplinen überwanden.

    Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung erkannten die dringende Notwendigkeit, eine gemeinsame Sprache zu finden, um den Herausforderungen und Chancen der digitalen Welt adäquat begegnen zu können. Das Dagstuhl-Modell reflektiert die sich verändernde Beziehung zwischen realer und virtueller Welt und betont die Bedeutung einer multidimensionalen Herangehensweise an digitale Bildung.

    1. Technologische Perspektive: Das Fundament verstehen

    Im Zentrum des Dagstuhl-Dreiecks steht die technologische Perspektive. Sie zielt darauf ab, die Funktionsweise digitaler Systeme zu verstehen und zu hinterfragen. Dieses Wissen bildet die Basis, auf der weitere Kompetenzen aufgebaut werden können und befähigt die Lernenden, die digitale Welt mitzugestalten.

    Die gesellschaftlich-kulturelle Perspektive befasst sich mit den Veränderungen, die digitale Technologien in unserem Alltag und in der Gesellschaft bewirken. Sie fragt danach, wie digitale Phänomene, Objekte und Situationen Individuen und Gemeinschaften beeinflussen und formen. Dieses Verständnis ist entscheidend für die Entwicklung einer kritischen Haltung gegenüber der digitalen Kultur und ihren Einflüssen.

    3. Anwendungsbezogene Perspektive: Kompetente Nutzung digitaler Werkzeuge

    Ergänzt wird das Dreieck durch die anwendungsbezogene Perspektive, die auf den praktischen Umgang mit digitalen Technologien abzielt. Dabei geht es um die Auswahl geeigneter Werkzeuge für bestimmte Aufgaben und den kompetenten Umgang mit der Fülle verfügbarer Informationen. Die Balance zwischen Informationsmangel und Informationsüberfluss steht hier im Mittelpunkt.

    Ira Diethelm erklärt auf YouTube das Dagstuhl-Dreieck (2016)

    Rezeption des Modells in der Bildungswelt

    Das Dagstuhl-Modell hat inzwischen in der wissenschaftlichen und pädagogischen Gemeinschaft breite Anerkennung gefunden. Wie ich eingangs erläutert habe, zielt es darauf ab, digitale Bildung aus drei Perspektiven zu betrachten: technologisch-medial, gesellschaftlich-kulturell und anwendungsorientiert. Diese Perspektiven bieten einen umfassenden Rahmen für die Analyse und Gestaltung von Bildung in der digital vernetzten Welt.

    Trotz der positiven Resonanz gibt es auch kritische Stimmen, die auf Schwächen des Modells hinweisen. Eine häufige Kritik betrifft die technikzentrierte Sichtweise, die insbesondere von Medienpädagog:innen und Informatiker:innen vertreten wird. Kritiker:innen wie Lisa Rosa argumentieren, dass der soziale Aspekt stärker in den Vordergrund gerückt werden sollte. Sie betonen, dass das Modell nicht nur die Technologie, sondern auch die sozialen und kulturellen Implikationen der digitalen Bildung adressieren sollte.

    Weiterentwicklung zum Frankfurt-Dreieck und Integration in Bildungsprogramme

    Um auf diese Kritikpunkte zu reagieren und konzeptionelle Lücken zu schließen, wurde das Dagstuhl-Dreieck zum Frankfurt-Dreieck weiterentwickelt. Diese Erweiterung berücksichtigt nun stärker die Rolle des Individuums und die Gestaltung von Informatiksystemen. Das Frankfurter Dreieck wurde als interdisziplinäres Modell konzipiert, das Forscher und Theoretiker in den Mittelpunkt stellt und sich auf eine umfassende Reflexion von Bildung im Kontext des digitalen Wandels konzentriert.

    Die positive Resonanz auf das Dagstuhl-Modell zeigt sich auch in seiner Integration in verschiedene Bildungsprogramme und Lehrpläne. So wurde es beispielsweise in die Lehrmittelreihe “connected” des Zürcher Lehrmittelverlags aufgenommen. Diese Integration belegt die Relevanz und Anwendbarkeit des Modells in der Praxis, da es Lehrpersonen einen strukturierten Ansatz zur Vermittlung und Reflexion digitaler Phänomene bietet.

    Fazit: Ein Leitfaden für die Zukunft

    Das Dagstuhl-Dreieck bietet einen umfassenden Rahmen für die digitale Bildung, der die komplexe Realität der digitalen Transformation widerspiegelt. Durch die Verbindung von technologischen, soziokulturellen und anwendungsorientierten Perspektiven ermöglicht es einen Bildungsansatz, der Lernende auf ein aktives und verantwortungsbewusstes Handeln in der digitalen Welt vorbereitet. Die Erweiterung zum Frankfurt-Dreieck stellt einen wichtigen Schritt dar, um den interdisziplinären Anforderungen und den komplexen Herausforderungen der digitalen Bildung gerecht zu werden. Dies zeigt, dass das Modell lebendig und anpassungsfähig ist, was für seine nachhaltige Relevanz in der Bildung spricht. Als Bildungsexpert:innen sind wir gefordert, diesen integrativen Ansatz in unsere Lehrpläne und Bildungsstrategien zu integrieren, um eine Generation zu fördern, die sowohl technologisch versiert als auch kulturell und gesellschaftlich informiert ist.

    Ressourcen

    Weiterbildung mit Yvo Wüest zum Thema “KI in der Erwachsenenbildung” beim Campus Sursee am 22.10.24 von 8.30 bis 16.30 Uhr. Hier anmelden.

    Beat Döbeli schreibt in seinem empfehlenswerten “Biblionetz” über das Dagstuhl-Dreieck: https://beat.doebe.li/bibliothek/w02886.html

    Hier schreibt er darüber, wie das Modell später zum Frankfurt-Dreieck erweitert wurde: Biblionetz:w03077 und hier gibt’s zusätzliche Info PDF.

    Kritischer Beitrag auf der Webseite der PH Schwyz zu den oben erwähnten Stimmen wie Lisa Rosa: https://mia.phsz.ch/Dagstuhl/WebHome

    Die Charta Digitale Bildung (Biblionetz:t20900) beruht im Kern auf dem Dagstuhl-Dreieck, hat aber die Formulierungen noch einmal überarbeitet und erwähnt vor allem den Gestaltungsaspekt explizit.

    Blogbeitrag bei der PH Schwyz zum Dagstuhl-Modell: https://mia.phsz.ch/Dagstuhl

    Beitrag bei Unterricht-digital.ch über das Dagstuhl-Dreieck: https://unterricht-digital.ch/2023/09/12/dagstuhl-ki/

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