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49: Sitting is the new smoking – Mehr Bewegung in die Hochschullehre bringen!

    Als erfahrener Dozent für Didaktische Reduktion und Erwachsenenbildung bin ich stets auf der Suche nach innovativen Methoden, um den Lernprozess für die Teilnehmenden in meinen Trainings und Lehrgängen zu optimieren. Eines der Themen, das in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat, ist die Integration von Bewegung in die Erwachsenenbildung und Hochschullehre. Das Heidelberger Modell der bewegten Lehre bietet hierfür nicht nur eine theoretische Grundlage, sondern auch praktische Anwendungen, die ich in diesem Beitrag näher beleuchten möchte.

    Training “Menschen mit Migrationserfahrung” IfA – Institut für Arbeitsagogik, Luzern, 2024

    Warum Bewegung in der Lehre?

    Die Forschung zeigt deutlich, dass physische Aktivität nicht nur die Gesundheit fördert, sondern auch kognitive Vorteile mit sich bringt. Bewegung kann die Aufmerksamkeit, Motivation und das Wohlbefinden steigern und somit die Lernleistung verbessern. Insbesondere das Heidelberger Modell hebt hervor, wie wichtig es ist, dem menschlichen Bedürfnis nach Bewegung auch im akademischen Kontext Rechnung zu tragen. Durch die Integration von Mikro-Bewegungen in den Lehralltag kann der negativen Wirkung langen Sitzens entgegengewirkt werden.

    Meine Gedanken schlafen ein, wenn ich sitze; mein Geist rührt sich nicht, wenn meine Beine ihn nicht bewegen.

    Michel de Montaigne, Essais, 1580

    Das Heidelberger Modell als Wegbereiter

    Das Heidelberger Modell der bewegten Lehre, entwickelt von Robert Rupp, Chiara Dold und Jens Bucksch, ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie Bewegung systematisch in die Hochschullehre integriert werden kann. Durch die Verknüpfung von Lerninhalten mit leichten Bewegungsformen, wie dem Aufstehen oder Umhergehen, werden nicht nur die physische Aktivität gefördert, sondern auch die Lerneffizienz gesteigert. Dieses Modell zeigt eindrucksvoll, wie durch einfache methodische Änderungen ein Mehrwert für Studierende geschaffen werden kann.

    Das “Heidelberger Modell für eine bewegte Lehre” ist ein innovatives Konzept, das darauf abzielt, die Hochschullehre durch Integration von leichter Mikrobewegung wie Stehen und Umhergehen zu bereichern. Es basiert auf Erkenntnissen aus Gesundheits-, Arbeits- und Lernforschung und zielt darauf ab, sowohl die Gesundheit als auch die Lerneffizienz der Studierenden zu fördern, indem es die negativen Effekte langer Sitzzeiten mindert. Das Modell umfasst praxisnahe Empfehlungen und Beispiele für die Umsetzung und zeigt Wege auf, wie Lehrveranstaltungen bewegungsaktiver gestaltet werden können, um die Aufmerksamkeit und das Wohlbefinden der Lernenden zu steigern.

    Robert Rupp, Chiara Dold, Jens Busch: Bewegte Hochschullehre
    Einführung in das Heidelberger Modell der bewegten Lehre, Springer, 2020

    Um was geht es im Buch “Bewegte Hochschullehre”?

    Die Autoren stellen in diesem essential ein innovatives Lehr-Lernkonzept vor, welches das Potenzial bewegungsaktivierender Ansätze nutzt, um Hochschullehre motivierender, lerneffizienter und gesundheitsförderlicher zu gestalten.

    Das handliche kleine Büchlein führt in ein praxisorientiertes Lehr- und Lernkonzept ein, das Dozierende anregt und Ideen vorschlägt, um Studierende durch Bewegung zu aktivieren und zu motivieren

    Es integriert aktuelle Erkenntnisse aus den Gesundheits-, Arbeits-, Lern- und Kognitionswissenschaften in ein handhabbares Baustein-Konzept. Dazu bietet es zahlreiche Praxisbeispiele für eine alltagsnahe und studienfachunabhängige Umsetzung einer bewegten Hochschullehre.

    Mit dem Heidelberger Modell bewegter Lehre präsentieren sie einen erprobten Ansatz, der hochschulische Lehr-Lernprozesse mit leichter (Mikro-)Bewegung – wie (Auf-)Stehen oder (Umher) Gehen – lernzeitschonend und lehrnah zusammenführt. Studierenden eröffnet dies die Gelegenheit, während der Lehre die starre Sitzhaltung aufzugeben und sich (bewegungs-)aktiv mit dem Lerngegenstand auseinanderzusetzen.

    Praktische Umsetzung: Wie können Dozierende Bewegung in die Lehre integrieren?

    Die Umsetzung einer bewegten Lehre erfordert Kreativität und die Bereitschaft, traditionelle Lehrmethoden zu überdenken. Hier einige praktische Tipps, die sich leicht in den Hochschulalltag integrieren lassen:

    • Punktabfragen auf Pinnwänden: Nutze Pinnwände, um Studierenden die Möglichkeit zu geben, ihre Gedanken oder Antworten auf Fragen durch das Aufhängen von Notizen aktiv zu gestalten. Dies fördert nicht nur die Bewegung, sondern auch die Interaktion unter den Studierenden.
    • Walk’n’Talks: Verlagere Diskussionen oder Gruppenarbeiten nach draußen und oder sende Studierende mit einem konkreten Besprechungsauftrag in Zweiergruppen 20, maximal 30 Min. nach draussen. Dies kann besonders bei komplexen Themen oder kreativen Prozessen hilfreich sein, da die Bewegung die Denkprozesse anregt.
    • Selbstabholung von Materialien: Fordere die Studierende auf, benötigte Arbeitsblätter oder Materialien selbst abzuholen. Dies fördert nicht nur die Bewegung, sondern auch die Selbstständigkeit.
    • Stehende Gruppendiskussionen: Anstatt sitzend in Gruppen zu diskutieren, können Studierende aufgefordert werden, ihre Diskussionen im Stehen oder in Bewegung durchzuführen. Dies fördert nicht nur die körperliche Aktivität, sondern kann auch die Dynamik und Kreativität der Diskussionen verbessern.
    • Stationenlernen: Dozierende können den Unterrichtsraum so gestalten, dass Lernstationen eingerichtet werden, zwischen denen die Studierenden wechseln. Jede Station kann verschiedene Aspekte eines Themas behandeln, wodurch Bewegung und Lernen kombiniert werden.
    • Bewegungsintegrierte Präsentationen: Während Präsentationen können Studierende sich im Raum bewegen, indem sie beispielsweise zu verschiedenen vorbereiteten Stationen gehen, um ihre Inhalte zu präsentieren. Es ist auch denkbar, dass die verordnete Bewegung die Angst vor dem Präsentieren reduziert, da die Studierenden nicht statisch an einem Ort stehen müssen. Die Bewegung hilft dabei, Nervosität abzubauen und fördert ein dynamischeres und engagierteres Präsentieren.
    • Bewegte Pausen: Kurze, angeleitete Bewegungsübungen zwischen den Lehrabschnitten können dazu beitragen, die Konzentration und das Wohlbefinden der Studierenden zu verbessern. Einfache Dehn- oder Lockerungsübungen können ohne Vorbereitung umgesetzt werden.

    Kurzinterview mit Guido Heller, systemischer In- und Outdoorcoach und Schulentwickler zu seinen Erfahrungen mit dem Thema “Sitting is the new Smoking”.

    Guido, du hast viele Jahre als Schulleiter und als Lehrer auf der Oberstufe gearbeitet, kennst dich mit Führungsthemen aus und bist Experte für Outdoor-Prozessarbeit. Du unterstützt unter anderem Bildungsorganisationen und Schulleitungen in herausfordernden Situationen, in Entwicklungsprozessen und beim Bildungswandel.

    Guido Heller, der Schatzsucher
    Systemischer In- und Outdoor-Coach, Schulentwickler
    guidoheller.ch

    1. Wie funktioniert Outdoor-Prozessarbeit in der Erwachsenenbildung und welche Vorteile siehst du darin im Vergleich zu traditionellen Schulungsansätzen?

    Outdoor-Prozessarbeit ist eine innovative Methode, die Elemente des Coachings in der Natur, der Erlebnispädagogik und der Naturtherapie kombiniert. Diese Arbeitsweise richtet sich gezielt an Erwachsene und nutzt bewusst die Qualitäten natürlicher Räume. Outdoor-Prozessarbeit fördert die persönliche und berufliche Weiterentwicklung, unterstützt die Selbstreflexion, stärkt die Selbstwirksamkeit und ermöglicht eine tiefere Verbindung zur Natur. 

    Der Aufenthalt in der Natur aktiviert viele unserer Sinne intensiver im Vergleich zu Innenräumen. Das bewirkt eine Nachhaltigkeit im Lern- oder Entwicklungsprozess. Die unterschiedlichen Reize, die auf uns treffen, aktivieren zahlreiche Bereiche des Gehirns, was zu einer vernetzten Wahrnehmung führt. Zusätzlich wird das metaphorische Denken unterstützt. Die Natur bietet dabei eine Vielzahl von Bildern, die das Generieren von kreativen Ideen oder Lösungsmöglichkeiten fördern. Die Möglichkeit neue Perspektiven zu entdecken, ist in der Natur deutlich grösser, da sich die Menschen vermehrt bewegen und abwechslungsreiche, dreidimensionale Umgebungen auf sie wirken.

    2. Welche spezifischen Methoden und Techniken verwendest du, um Outdoor-Prozessprogramme für Führungskräfte und Teams zu gestalten?

    Durch erlebnis- und prozessorientierte Aktivitäten in der Natur, wie zum Beispiel Kreativ-Techniken, Symbolarbeit oder szenische Arbeit, werden sowohl auf der Persönlichkeits- wie auch auf Teamebene Prozesse angeregt und individuelle Entwicklung sowie Achtsamkeit gefördert. Wenn ich theoretische Inhalte im Outdoor-Setting vermittle, reduziere ich diese auf ein optimales Minimum und plane aber maximal viel Zeit ein für eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema, eine Reflexion der eigenen Situation, Festlegen konkreter Handlungsschritte und eine Verankerung im Alltag. Die Outdoor-Prozessmethoden sind darauf ausgerichtet, dass das Lernen der Teilnehmenden auch im Austausch mit anderen passiert. 

    Die einzelnen Methoden sind so konzipiert, dass sie auf spezifische Ziele in Entwicklungsprozessen ausgerichtet werden können. Zudem ist auch das Draussen-Unterwegssein im eigentlichen Sinne eine Methode. Das unmittelbare Wahrnehmen und Erfüllen der Grundbedürfnisse wie Wärme, Trockenbleiben, Essen, Trinken und Hygiene sowie das Interagieren in einer Gruppe vertiefen die Erlebnisse durch die Aktivierung haptischer, motorischer und emotionaler Gehirnregionen.

    Ein besonderes Merkmal lege ich auf die Konkretisierung nächster Schritte und deren bewusste Verankerung im folgenden Arbeitsalltag. Auch in dieser Beziehung bieten Outdoor-Prozess-Methoden eine reiche Palette von Möglichkeiten an. Ich beziehe die Thematisierung der Metaebene des Lernens oder des Prozessablaufs ebenso mit ein wie gehirngerechtes Lernen. Letzteres kann in der Natur besonders gewinnbringend umgesetzt werden.

    3. Wie kann Outdoor-Prozessarbeit die Resilienz und das Wohlbefinden von Erwachsenen in stressigen beruflichen Umfeldern fördern?

    Allein schon der Aufenthalt in der Natur wirkt erwiesenermassen entspannend und aufbauend. Durch die oben erwähnte, breite Aktivierung der Zonen des Gehirns wird die Kreativität, der Perspektivenwechsel und die Reflexionsfähigkeit gefördert. Die Aktivierung der Sinne und das bewusste Wahrnehmen der physischen Grundbedürfnisse fördern die Achtsamkeit, welche ein wichtiger Resilienzfaktor darstellt. Weitere die Resilienz fördernde Elemente sind das Geniessen, das gemeinsame Lachen, die Gruppenerlebnisse, wie auch die Genugtuung, wenn eine Herausforderung gemeistert wurde.

    4. Welchen Herausforderungen begegnest du bei der Umsetzung von Outdoor-Prozessarbeit in verschiedenen Umgebungen und wie gehst du damit um?

    Neben den didaktischen, gruppendynamischen und methodischen Überlegungen muss ich die Ebenen des körperlichen Wohlbefindens der Teilnehmenden und der Witterung einbeziehen. Eine Herausforderung ist der Umgang mit extremen Witterungseinflüssen, denen man bei Anlässen im Freien ausgesetzt ist. Besonders bei Gewittern muss ich einen Plan B bereit haben. Bei Dauerregen gilt es, das Material und die Zeit einzuplanen, um gemeinsam ein Gruppencamp aufzustellen. 

    Damit die Umsetzung der Planung nicht zur Herausforderung wird, gehe ich nach dem Motto vor «strukturiert – improvisiert». Ich muss jederzeit bereit sein, meine Planung der aktuellen Situation anzupassen – in einem grösseren Ausmass als in Innenräumen. Ich denke in grossen methodischen Bögen.

    Bei Unvorhergesehenem muss ich schnell Prioritäten setzen und trotzdem einen gewinnbringenden Abschluss erreichen können. Hier ist Erfahrung hilfreich und ein gewisses Grundvertrauen wichtig. 

    5. Wie misst du den Erfolg und die Effektivität deiner Outdoor-Prozessprogramme in Bezug auf die Lern- und Entwicklungsziele der Teilnehmer?

    Meine Arbeit besteht darin, den Menschen durch Erlebnisse Entwicklungsanstösse zu geben oder neue, gewinnbringende Denkmodelle aufzuzeigen, die sie weiterbringen können. Ich betrachte jede Person als Expertin ihres eigenen Lernens und bin überzeugt, dass sie aus dem Lernangebot genau das entnimmt, was für sie aktuell relevant und umsetzbar ist. Ich habe schon oft erfahren, dass die Outdoor-Prozessmethoden ihre Wirkung zeigen. Bei Persönlichkeits- und Teamprozessen ist diese Wirkung häufig nicht sofort sichtbar. Aus Feedback und strahlenden, zufriedenen Gesichtern der Teilnehmenden – sei es am Ende eines Anlasses in der Natur oder später – entnehme ich, dass die Outdoor-Prozessarbeit effektiv und gewinnbringend ist.

    Fazit: Bewegung als Schlüssel zu erfolgreichen Lernprozessen

    Die Integration von Bewegung in die Hochschullehre und Lehralltag bietet eine hervorragende Möglichkeit, die Lernumgebung zu bereichern und den Studierenden ein ganzheitlicheres Lernerlebnis zu bieten. Das Heidelberger Modell der bewegten Lehre zeigt, dass es machbar ist, Bewegung in den akademischen Alltag zu integrieren, ohne dabei die Lehrinhalte zu vernachlässigen. Als Dozenten sollten wir bestrebt sein, solche innovativen Ansätze in unsere Lehrpraxis zu integrieren, um nicht nur die körperliche, sondern auch die geistige Gesundheit und das Wohlbefinden unserer Studierenden zu fördern. Lasst uns uns also bewegte Lehre nicht als Zusatz, sondern als integralen Bestandteil eines modernen, gesundheitsfördernden und effektiven Lehrkonzepts betrachten.

    Ressourcen

    Robert Rupp, Chiara Dold, Jens Busch: Bewegte Hochschullehre
    Einführung in das Heidelberger Modell der bewegten Lehre
    , Springer, 2020

    »Online-Seminare bewegt gestalten« (Rupp, 2022) befasst sich mit der An-
    wendung des Heidelberger Modells bewegter Lehre auf digitale Formate und beinhal-
    tet theoretische Grundlagen, bewegende Methoden sowie Praxistipps, um Online-
    Kurse bewegt zu gestalten.

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