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50: „Landrián“ von Ernesto Daranas – Eine Entdeckung Kubanischer Kultur und Geschichte Durch Film

    Die kubanische Filmgeschichte ist reich an faszinierenden Persönlichkeiten und Geschichten, doch nur wenige sind so beeindruckend und zugleich tragisch wie die von Nicolás Guillén Landrián. Ernesto Daranas‘ Dokumentarfilm „Landrián“ bringt uns Leben und Werk dieses visionären Filmemachers näher, dessen avantgardistische Dokumentarfilme jahrzehntelang im Schatten von Zensur und politischer Repression standen. Für Bildungsfachleute bietet der Film nicht nur tiefe Einblicke in die kubanische Gesellschaft und Kultur, sondern auch wertvolle Erkenntnisse für die Bildungsarbeit.

    Nicolás Guillén Landrián (1938 in Camagüey, Kuba – gestorben Juli 2023, 2003 in Miami, Florida)

    Nach meinem Dolmetscher- und Übersetzerstudium mit Schwerpunkt Kubaspanisch arbeitete ich einige Jahre in der Internationalen Zusammenarbeit IZA auf der grossen Antilleninsel. In Kuba und später auch auf einer Filmtournee in der Schweiz führte ich Übersetzungsaufträge für kubanische Filmschaffende, Mitarbeitende des ICAIC und internationale Künstler:innen aus. Im folgenden Beitrag rezensiere ich den aktuellen Dokumentarfilm von Ernesto Daranas „Landrián – The Untold Story of the first Cuban Black Filmmaker“ und ziehe eine Verbindung zu einer wirkungsvollen Bildungsarbeit.

    Warum „Landrián“ sehenswert ist

    Ernesto Darana gelingt es in „Landrián“ auf bemerkenswerte Weise, das Schaffen und die Visionen von Nicolás Guillén Landrián zu beleuchten. Der Film stellt eine Anzahl restaurierter Werke Landriáns vor und bietet zugleich eine bewegende narrative Struktur, die durch Interviews und Archivmaterial ergänzt wird. Besonders berührend sind die Gespräche mit Landriáns Witwe, Gretel Alfonso, und dem Fotografen Livio Delgado, die persönliche Einblicke in das Leben des Filmemachers und die Schwierigkeiten geben, denen er aufgrund seiner unkonventionellen und oft regimekritischen Perspektiven begegnete..

    Für anthropologisch Interessierte ist der Film von unschätzbarem Wert, da er die sozio-kulturellen Realitäten der 1960er und 1970er Jahre in Kuba einfängt. Landriáns Werke dokumentieren das Leben und die Herausforderungen marginalisierter Gruppen, insbesondere der afro-kubanischen Gemeinschaften und der ländlichen Bevölkerung im Osten der Insel. Seine Filme bieten einen anthropologischen Blick auf die kubanische Gesellschaft, der in offiziellen staatlichen Erzählungen dieser Zeit oft fehlt oder verzerrt dargestellt wird.

    Trailer zum Film „Landrián“ von Ernesto Daranas, 2023 Kuba, Spanien

    Zwei Ausnahmeerscheinungen unter kubanischen Dokumentarfilmen:innen

    Die vermutlich kritischsten filmischen Darstellungen der kubanischen Gesellschaft der 1960er Jahre stammen von zwei afro-kubanischen Dokumentarfilmern, die wenig für ideologische Hörigkeit übrig hatten: Sara Gómez und Nicolás Guillén Landrián, Neffe des grossen kubanischen Poeten Nicolás Guillén.

    Was zeichnete die beiden aus? Ihre besondere Sensibilität für die Darstellung der Lebenswelten subalterner Gruppen in einem zunehmend intoleranten Umfeld gegenüber jeder Form von „Andersartigkeit“ (politisch, rassisch, religiös, sexuell oder kulturell).
    In einer Zeit, in der versucht wurde, den öffentlichen Diskurs mit manichäischen Parolen zu homogenisieren, wurde jede Form von alternativem Ausdruck als „ideologische Diversion“ etikettiert, und das Anprangern rassistischer Haltungen konnte als eine Form der Aufwiegelung betrachtet werden.

    Jede kulturelle Ausdrucksform, die sich weigerte, ihre eigene Identität zugunsten abstrakter Begriffe wie „das Volk“, „die Revolution“ oder „der neue Mensch“ zu opfern, wurde in diesen Jahren schnell als inakzeptabel angesehen. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass der Diskurs der Négritude (eine literarisch-philosophische Strömung, die sich für die kulturelle Selbstbehauptung aller Menschen Afrikas oder afrikanischstämmiger Herkunft einsetzt) von Castro und seinen Anhängern jahrelang mit Argwohn betrachtet wurde, da es eine Abweichung von der großen Erzählung der Revolution darstellte (Garland Mahler, 2015: 57; Howe, 2004: 90; Moore, 1988: 309-12).

    Regisseur Ernesto Daranas, Kuba

    Der Regisseur Ernesto Daranas

    1961 in Havanna geboren, studierte Pädagogik und Geografie. Er begann früh beim Radio zu arbeiten, schrieb Biographien und Theaterstücke, sowie Hörspiele und Drehbücher für TV-Produktionen.

    2004 realisierte er den Dokumentarfilm „Los ultimos gaiteros de la Habana“, der den internationalen Journalistenpreis Rey de España gewann. Im gleichen Jahr führte er Regie im Fernsehfilm „La vida en rosa“, der in Kuba ein Grosserfolg war. Darana interessiert sich in seinen Filmen für die Sorgen der Einwohner:innen Kubas, für die es Anlass gibt, beispielsweise Armut, Stromausfälle oder die Abwesenheit von Vätern und Müttern, die im Ausland arbeiten.

    Zu seinen Spielfilmen zählen „Los dioses rotos“ (2008), „Conducta“ (2014) und „Sergio & Sergej“ (2017). 2019 führte er Regie bei „Natalia“, einer Doku über die kubanische Ethnografin Natalia Bolívar Aróstegui . 2023 folgte der hier besprochene Dokumentarfilm Landrian über den ersten afrokubanischen Filmemacher Nicolás Guillén Landrián.

    Zitat in einem Interview zum Film:

    „Zu seiner Zeit war er wahrscheinlich nach Tomás Gutiérrez Alea Titón und Humberto Solás der bekannteste Filmemacher Kubas, doch er ist der breiten Öffentlichkeit immer noch unbekannt“

    Ernesto Daranas, 2024

    Szene aus dem Film „Ociel del Toa“ (1965)

    Auszug aus einem Interview bei OnCubanews im Dezember 2023 (Übersetzung Yvo Wüest):

    Werden Filme wie „En un barrio viejo“ (1963), „Ociel del Toa“ (1965) und „Coffea arábiga“ (1968) als Klassiker unseres Kinos angesehen werden?

    Sie sind es bereits, und zwar nicht nur wegen ihrer Einsicht und künstlerischen Höhenflüge, sondern auch wegen des tiefsten Respekts, mit dem er [Landrián] uns als Volk zu betrachten wusste, wegen der Tiefe, mit der er unsere Blicke und unser Erstaunen angesichts der Turbulenzen dessen, was gerade geschah, erforschte.

    Auf die eine oder andere Weise ist diese Perspektive in einem Großteil des Dokumentarfilms der neuen Generationen von Filmemachern präsent. Dieses Engagement für das Individuum über die Masse, diese Untersuchung unseres Dramas und unseres Selbstwertgefühls als Volk sind einige der Identitätsmerkmale des neuen kubanischen Kinos, die eng mit dem Vermächtnis des Filmemachers im Dialog stehen.

    Szene aus dem Film „Ociel del Toa“ (1965)

    Lehren für die Bildungsarbeit

    Für Bildungsfachleute bietet „Landrián“ zahlreiche Anknüpfungspunkte und Lektionen:

    1. Kritisches Denken und Hinterfragen von Narrativen: Der Film „Landrián“ ermutigt uns dazu, offizielle Erzählungen zu hinterfragen und die Komplexität sozialer und kultureller Realitäten zu erkennen. Dies ist eine essentielle Fähigkeit in der Bildungsarbeit, um Lernende zu kritischem Denken und Reflexion anzuregen.
    2. Bedeutung der kulturellen Vielfalt: Der Dokumentarfilm „Landrián“ von Ernesto Daranas zeigt die reiche kulturelle Vielfalt Kubas und die Wichtigkeit, marginalisierte Stimmen und Perspektiven im politischen Diskurs und der Bildungsarbeit zu berücksichtigen. Dies fördert ein umfassenderes Verständnis und eine Wertschätzung für unterschiedliche kulturelle Ausdrucksformen.
    3. Resilienz und Widerstandsfähigkeit: Die Lebensgeschichte von Nicolás Guillén Landrián ist ein kraftvolles Beispiel für Resilienz und Widerstandsfähigkeit im Angesicht von Unterdrückung. In der Bildungsarbeit können wir diese Geschichte nutzen, um Debatten über die Bedeutung von persönlicher Stärke und Durchhaltevermögen, aber auch Solidarität und Zusammenhalt in schwierigen Zeiten, anzuregen..
    4. Film als pädagogisches oder andragogisches Werkzeug: Der Einsatz von Dokumentarfilmen in Lernsituationen kann die Lernenden auf eine visuell und emotional ansprechende Weise erreichen. Filme können im Sinne der „didaktischen Reduktion“ komplexe Themen anschaulich vermitteln und Diskussionen über soziale Gerechtigkeit, Kultur und Geschichte anregen.

    Fazit

    „Landrián“ von Ernesto Daranas ist mehr als ein Dokumentarfilm – es ist die Wiederentdeckung und Würdigung eines bedeutenden, aber lange übersehenen Künstlers. Für Bildungsfachleute bietet der Film eine Fülle wertvoller Impulse und Inspirationen. Er zeigt, wie wichtig es ist, unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, kritisches Denken zu fördern und die Bedeutung von Resilienz zu vermitteln. Durch die Einbindung von Landriáns Werk in die Bildungsarbeit können wir nicht nur das Verständnis für die kubanische Kultur und Geschichte vertiefen, sondern auch wichtige pädagogische und andragogische Prinzipien in die Praxis umsetzen.

    Ressourcen:

    Wikipedia-Eintrag zu Nicolás Guillén Landrián: https://en.wikipedia.org/wiki/Nicolás_Guillén_Landrián

    Info zum Film beim Trigon-Filmverleih: https://trigon-film.org/de/filme/landrian/

    Kurzrezension zum Film von Yvo Wüest: https://www.cineman.ch/movie/2023/LandrianVuelveAlBaile/

    Aktuelle Diskussion zum Film in der LinkeedIn-Fachgruppe #TranskulturelleKompetenz: https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:7222959951353102336?utm_source=share&utm_medium=member_desktop

    Hier findet sich ein sehenswertes Gespräch mit dem Regisseur Ernesto Daranas, aufgezeichnet anlässlich des Internationalen Filmfestivals von Venedig 2023:

    https://youtu.be/wN0StQdzLO4?si=IkimSOca3CJ0DZjM

    Hier ein Interview auf Englisch in OnCubanews mit dem Filmemacher Ernesto Daranas: https://oncubanews.com/en/culture/cinema/ernesto-daranas-censorship-is-an-act-of-abuse-of-power-of-ignorance-of-arrogance/#google_vignette

    Ernesto Daranas bei Wikipedia: https://es.wikipedia.org/wiki/Ernesto_Daranas

    Rezension von Niels Walter, der als Journalist und Autor in Havanna lebt, beim Filmpodium Zürich: https://www.filmpodium.ch/reihen-details/58091/landrian

    Mehr Info zur bereits verstorbenen kubanische Ethnografin Natalia Bolívar Aróstegui: https://www.riffreporter.de/de/international/letzte-rebellin-kubas-natalia-bolivar-arostegui-nachruf

    Hier der gleiche Text bei der tax von Ulrike Prinzip: https://taz.de/Portraet-einer-kubanischen-Revolutionaerin/!5394401/

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