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52: Agiles Lernen – Mehr Flexibilität und Anpassungsfähigkeit in der Bildung

    In einer Welt, die sich immer schneller verändert, stehen Bildungseinrichtungen und Unternehmen vor der Herausforderung, ihre Lern- und Ausbildungsstrategien grundlegend zu überdenken. Traditionelle Methoden, die auf festen Strukturen und starren Lehrplänen basieren, können oft nicht mit den sich wandelnden Anforderungen einer globalisierten und digitalisierten Welt Schritt halten. Die Lösung könnte im agilen Lernen liegen – ein Ansatz, der Flexibilität und Anpassungsfähigkeit in den Mittelpunkt stellt.

    Was ist agiles Lernen?

    Agiles Lernen basiert auf den Prinzipien des Agilen Manifests, das ursprünglich für die Softwareentwicklung entwickelt wurde. Im Kern betont das Manifest Werte wie die Priorisierung von Menschen und Interaktionen über Prozesse und Werkzeuge, die Bereitstellung von funktionierenden Lösungen über umfangreiche Dokumentation sowie die Zusammenarbeit mit dem Kunden über Vertragsverhandlungen. Ebenso ist die Bereitschaft, auf Veränderungen flexibel zu reagieren, wichtiger als das starre Festhalten an einem Plan.

    Übertragen auf den Bildungsbereich bedeutet agiles Lernen, dass die Lernenden und ihre individuellen Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen. Der Lernprozess wird dynamisch und flexibel gestaltet, um sich an die sich verändernden Anforderungen der Lernenden anzupassen. Dabei geht es nicht nur um die reine Wissensvermittlung, sondern auch um die Förderung wichtiger Kompetenzen wie Eigenverantwortung, Selbstorganisation und die Fähigkeit, flexibel auf Veränderungen zu reagieren.

    Der US-amerikanische Soziologe Talcott Parson gilt als Erfinder des Begriffes „Agil“. In seinem Werk „The Social System“ (1951) beschreibt er vier grundlegende Funktionen, die jedes soziale System erfüllen muss, um zu überleben: Adaptation (A), Goal Attainment (G), Integration (I) und Latency/Pattern Maintenance (L).

    Warum agiles Lernen notwendig ist

    Die moderne Welt, oft als „BANI“ (Brittle, Anxious, Nonlinear, Incomprehensible) bezeichnet, erfordert flexible und adaptive Lernansätze. Traditionelle Lernmethoden, die auf starren Strukturen und vorgefertigten Lehrplänen basieren, sind oft nicht in der Lage, auf die Dynamik und Unsicherheit unserer Zeit zu reagieren. Agiles Lernen bietet hier eine Lösung: Es fördert die Selbstorganisation und Anpassungsfähigkeit der Lernenden, was sie in die Lage versetzt, sich in einer komplexen und sich ständig verändernden Welt zurechtzufinden..

    Darüber hinaus ermöglicht agiles Lernen eine engere Zusammenarbeit zwischen Lehrenden und Lernenden. Die Rolle des Trainers verändert sich dabei von einem reinen Wissensvermittler zu einem Lernbegleiter, der den Lernprozess unterstützt und fördert. Diese neue Rolle erfordert jedoch auch neue Kompetenzen, wie Flexibilität, Kommunikationsfähigkeiten und ein tiefes Verständnis für die Prinzipien des agilen Lernens.

    Poster zu „Agiles Lernen“ von Annemarie Kummer Wyss und Annette Tettenborn, PH Luzern, August 2024

    Wie agiles Lernen umgesetzt werden kann

    Die Umsetzung von agilem Lernen in der Praxis erfordert ein Umdenken und die Einführung neuer Methoden. Eine Möglichkeit ist die Anwendung von Scrum im Unterricht – einer Methode, die aus der agilen Softwareentwicklung stammt und auf iteratives Arbeiten in kurzen, überschaubaren Sprints setzt. Diese Methode lässt sich auch auf den Bildungsbereich übertragen, indem Lernende in Teams arbeiten und in regelmäßigen Abständen Ergebnisse präsentieren und reflektieren.

    Ein weiteres Beispiel ist die agile Hochschuldidaktik, wie sie von Christof Arn beschrieben wird. Hierbei werden Lehrmethoden entwickelt, die stärker auf die individuellen Bedürfnisse der Studierenden eingehen und flexible Lernpfade ermöglichen. Auch projektbasiertes Lernen, bei dem Lernende an realen Projekten arbeiten und dabei selbstorganisiert vorgehen, ist eine Form des agilen Lernens.

    Die Rolle des Trainers im agilen Lernen

    Die Einführung von agilem Lernen stellt auch neue Anforderungen an Trainer:innen und Ausbildende. Sie müssen sich von ihrer traditionellen Rolle als Wissensvermittler lösen und zu Lernbegleitern werden. Dabei geht es nicht nur darum, Wissen zu vermitteln, sondern Lernende dabei zu unterstützen, ihre eigenen Lernprozesse zu gestalten und sich selbst zu organisieren.

    Dies erfordert ein hohes Mass an Flexibilität und die Bereitschaft, sich selbst ständig weiterzuentwickeln. Trainer müssen lernen, loszulassen und den Lernenden mehr Verantwortung zu übergeben. Gleichzeitig müssen sie aber auch in der Lage sein, den Lernprozess aktiv zu steuern und zu unterstützen, wo es notwendig ist.

    Die Verbindung zwischen „Agilem Lernen“ und „Entwicklungsorientierter Bildung“ 

    Die Verbindung zwischen „Agilem Lernen“ und „Entwicklungsorientierter Bildung“ besteht in ihrem gemeinsamen Fokus auf die individuelle Förderung und Anpassung des Lernprozesses. Während agiles Lernen Flexibilität und Anpassungsfähigkeit betont, legt entwicklungsorientierte Bildung Wert auf die Förderung von Lernprozessen, die auf die Bedürfnisse und Entwicklungsstufen der Lernenden abgestimmt sind. Beide Konzepte streben danach, Lernende aktiv in den Prozess einzubinden und fördern Selbstorganisation, wobei entwicklungsorientierte Bildung zusätzlich spezifische Entwicklungsaufgaben berücksichtigt.

    Christian Stalder im Gespräch mit Yvo Wüest von Education Minds GmbH, Podcast-Episode Nr. 64 Christian Stalder – Entwicklungsorientierte Bildung

    Herausforderungen und LösungeN

    Natürlich bringt die Einführung von agilem Lernen auch Herausforderungen mit sich. Widerstände gegen Veränderungen, unzureichende Ressourcen und unklare Zielsetzungen können den Erfolg gefährden. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, empfiehlt es sich, agile Methoden schrittweise einzuführen und Pilotprojekte zu starten, bevor sie flächendeckend umgesetzt werden.

    Eine kontinuierliche Schulung der Trainer und eine enge Begleitung der Lernenden sind ebenfalls entscheidend für den Erfolg. Zudem sollten regelmäßige Feedbackrunden und Reflexionsphasen eingeplant werden, um den Lernprozess kontinuierlich zu verbessern.

    Beispiel für die Einführung von agilem Lernen in einer Weiterbildung

    Stellen wir uns einen Workshop zum Thema „Erwachsenenbildung im digitalen Zeitalter“ vor, den ein Trainer oder eine Trainerin durchführt. Der Workshop soll den Teilnehmenden helfen, das Konzept „digital unterstützte Erwachsenenbildung“ zu verstehen und selbst anzuwenden.

    Hier sind drei konkrete Wege, wie agiles Lernen in diesen Workshop integriert werden könnte:

    1. Einführung eines Scrum-ähnlichen Ansatzes für die Workshop-Struktur

    Zu Beginn des Workshops könnte der Trainer die Teilnehmer in kleine Gruppen aufteilen und ihnen eine Aufgabe stellen: Jede Gruppe soll ein eigenes kleines „Lernprojekt“ entwickeln, das sie während des Workshops durchführen werden. Dieses Projekt könnte beispielsweise das Erstellen eines digitalen Lehrmaterials sein, das sie in ihrer eigenen Praxis als Erwachsenenbildnerin anwenden möchten.

    Der Trainer organisiert den Workshop dann in kurzen Sprints, ähnlich wie beim Scrum-Ansatz. Nach jedem Sprint – der etwa 45 Minuten dauern könnte – kommen die Gruppen zusammen, um ihre Fortschritte zu präsentieren und Feedback von den anderen Teilnehmern und dem Trainer zu erhalten. Anschliessend reflektieren die Gruppen über ihre Arbeit und planen den nächsten Sprint.

    Beispiel: Eine Gruppe entscheidet sich, ein interaktives Online-Modul zu erstellen, das Lernenden hilft, mit der KI-App PerplexityAI produktiver zu arbeiten. In jedem Sprint arbeiten sie an verschiedenen Aspekten wie Inhaltserstellung, Design oder der Auswahl von interaktiven Elementen. Nach jedem Sprint gibt es eine Feedback-Runde, die es der Gruppe ermöglicht, ihre Strategie anzupassen und weiter zu verbessern.

    2. Flexibilität und Anpassung an Lernbedürfnisse

    Während des Workshops könnte der Trainer regelmässig Check-ins mit den Teilnehmern durchführen, um zu verstehen, welche Themen für sie besonders wichtig sind oder wo sie Schwierigkeiten haben. Basierend auf diesem Feedback passt der Trainer den weiteren Verlauf des Workshops flexibel an.

    Beispiel: Die Teilnehmenden zeigen ein großes Interesse an der Nutzung von Lernplattformen. Der Trainer entscheidet sich daraufhin, das geplante Programm anzupassen und eine zusätzliche Einheit einzufügen, in der die Teilnehmer die Möglichkeit erhalten, verschiedene Plattformen wie Moodle, Edoras oder OpenOlat praktisch zu erkunden und zu bewerten, ob und wie sie in ihre eigenen Bildungsprogramme integriert werden können.

    3. Förderung von Selbstorganisation und Eigenverantwortung

    Ein zentrales Element agilen Lernens ist die Förderung von Selbstorganisation. Der Trainer könnte den Teilnehmenden die Möglichkeit geben, Teile des Workshops selbst zu gestalten. Dazu könnten sie Themen vorschlagen, die sie vertiefen möchten, oder selbst kleine „Lehreinheiten“ für die Gruppe vorbereiten und durchführen.

    Beispiel: Eine Teilnehmerin übernimmt die Verantwortung, eine kurze Präsentation zu einem neuen E-Learning-Tool für die Erstellung von Quizzes vorzubereiten, das sie in ihrer Arbeit verwendet. Sie führt die anderen Teilnehmen durch die wichtigsten Funktionen und zeigt ihnen, wie das Tool in der Erwachsenenbildung eingesetzt werden kann. Die anderen Teilnehmer geben ihr Feedback und diskutieren darüber, wie sie das Tool in ihren eigenen Kontexten anwenden könnten.

    Fazit

    Agiles Lernen bietet eine vielversprechende Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit. Es ermöglicht Bildungsinstitutionen und Unternehmen, ihre Lernprozesse flexibel und anpassungsfähig zu gestalten. Trainer und Ausbilder, die sich mit agilen Methoden vertraut machen und diese in ihre Praxis integrieren, schaffen nicht nur einen Mehrwert für ihre Lernenden, sondern positionieren sich auch selbst als Vorreiter:innen in einem sich stetig wandelnden Bildungsumfeld. Der Weg zu einer zukunftsfähigen Bildung führt über die Bereitschaft, neue Ansätze wie das agile Lernen zu erkunden und umzusetzen.

    Agiles Lernen ist nicht nur eine Methode – es ist eine Haltung, die Trainer und Lernende befähigt, den ständigen Wandel unserer Zeit aktiv und erfolgreich zu gestalten.

    Ressourcen:

    • Podcast-Episode Nr. 115 Yvo Wüest – Agiles Lernen – Die Zukunft der Bildung? (in Vorbereitung)
    • Podcast-Episode „Agiles Lernen – Was ist dran?“, Michael Weber von der PH Luzern im Gespräch mit Annemarie Kummer Wyss und Annette Tettenborn
    • Agiles Manifest in Deutsch.
    • Arn, Christof (2024). Agile Hochschuldidaktik. (4. Aufl.) Weinheim: Beltz-Juventa.
    • Baecker, D. (2021). Normen der Agilität in Parsons’ AGIL-Schema. In S. Beck & St. Meyer (Hrsg.), Jenseits des Staates? Über das Zusammenwirken von staatlichem und nicht-staatlichem Recht, S. 9-33. Göttingen: V&R unipress.
    • Brichzin, P., Kastl, P. & Romeike, R. (2019). Agile Schule. Methoden für den Projektunterricht in der Informatik und darüber hinaus. Bern: hep-Verlag.
    • Burk, W., Stalder, C. (2023). Enwicklungsorientierte Bildung in der Praxis. Weinheim: Beltz.
    • Frei, Ch. & Koch, F. (2021). Agiles Lernen an Schulen. Kartenset. Weinheim: Beltz.
    • Gehlen-Baum, V. & Illi, M. (2019). Lern doch, was du willst! Agiles Lernen für zukunftsorientierte Unternehmen. BoD – Books on Demand.
    • Hofert, S. (2018). Das agile Mindset. Mitarbeiter entwickeln, Zukunft der Arbeit gestalten. Springer Link.
    • Kesting, L.-M. (2022). Scrum im Unterricht. Praxisratgeber mit fächerübergreifenden Beispielen für agiles Projektlernen (5. bis 10. Klasse). Hamburg: Scolix.
    • Parsons, T. (1951). The Social System. London: Routledge.
    • Ryan, R.M. & Deci, E.L. (2017). Self-Determination Theory: Basic Psychological Needs in Motivation, Development, and Wellness. N.Y./London: The Guilford Press.
    • Wikipediabeitrag zu Talcott Parson
    • Hinweise zu «BANI» und «Facing the Age of Chaos» (Jamais Cascio).
    • Gründe für agiles Lernen (von Frei & Koch).
    • Osann, I., Mayer, L., Wiele, I. (2024). Design Thinking Schnellstart. Kreative Workshops gestalten. München: Hanser.

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