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87: Digitale Gesellschaft: Was uns Manuel Castells über das Lernen im Digitalen Lehrt

    In meinen Weiterbildungen taucht in letzter Zeit eine Frage immer häufiger auf: Macht uns all die Technik im Lernraum eigentlich klüger? Die Erwartung im Hintergrund ist meist dieselbe – noch ein Tool, noch eine App, noch ein KI-Assistent, und schon werde das Lernen besser, schneller, gerechter. Genau an diesem Punkt hat mich das neue Buch von Manuel Castells nachdenklich gemacht.

    Der spanische Soziologe, der den Begriff der „Netzwerkgesellschaft“ geprägt hat, legt mit „Die digitale Gesellschaft. Eine kritische Einführung“ (Verlag Barbara Budrich, 2026) eine Summe seiner Forschung vor. Sein roter Faden ist unbequem und gerade deshalb wertvoll für uns Bildungsfachleute: Digitale Technologien können Proteste, Bewegungen und Lernprozesse unterstützen – aber in aller Regel verstärken sie bestehende Ungleichheiten, statt sie aufzulösen.

    Vom Netzwerk zur „digitalen Gesellschaft“

    Castells beschreibt, wie aus der Netzwerkgesellschaft durch die Durchdringung mit Digitalisierung eine eigene Gesellschaftsform geworden ist. Das Digitale ist bei ihm nie nur Technik, sondern immer auch eine Frage von Macht und Herrschaft. Kryptowährungen, die digitalisierte Arbeitswelt, soziale Medien, Künstliche Intelligenz – überall, so seine These, ist Kommunikation von Strukturen der Kontrolle durchzogen.

    Was mir dabei gefällt: Castells argumentiert nicht kulturpessimistisch, sondern empirisch. Er zeigt mit Zahlen, wie sich die digitale Sozialstruktur entwickelt hat. Und er traut den Menschen am Ende doch etwas zu – dazu später mehr.

    „Big Brother“ und die „Little Sisters“

    Am eindrücklichsten finde ich Castells‘ Kapitel zur Privatsphäre. Er prägt den Begriff des Informationskapitalismus: Das Anhäufen und Verwerten unserer Daten ist eine eigene Form der Kapitalakkumulation. Die grösste Bedrohung der Privatsphäre, so seine überraschende Pointe, geht nicht in erster Linie vom Staat aus, sondern von Unternehmen, für die das Sammeln von Daten schlicht das Geschäftsmodell ist.

    Castells bringt das auf eine Formel aus dem Silicon Valley: „Wenn du für eine Leistung nicht bezahlst, dann bist du das Produkt.“ Der staatliche „Big Brother“ (etwa die NSA) und die unternehmerischen „Little Sisters“ (Google, Meta und Co.) arbeiten dabei Hand in Hand – ohne die Daten der Konzerne könnte kein Staat in diesem Ausmass überwachen.

    Es wird kein Ende der Privatsphäre geben, solange die Bürgerinnen und Bürger mit ihrem Bewusstsein und kritischem Denken bereit sind, dem Techno-Determinismus der neuen Herrscher der Welt entgegenzutreten.

    Diese Haltung – kritisch, aber nicht resigniert – zieht sich durch das ganze Buch. Sie gilt auch für die sozialen Medien: Castells sieht in ihnen nicht die Ursache der Polarisierung, wohl aber einen Brandbeschleuniger. Die eigentlichen Brandherde liegen in gesellschaftlicher Ungleichheit und im Vertrauensverlust gegenüber Institutionen.

    Mehr Technik ist nicht mehr Bildung

    Für unsere Zunft wird es dort besonders spannend, wo Castells über Lernen schreibt. „Der Mensch lernt, der Computer lernt, die Künstliche Intelligenz lernt“ – so liesse sich sein Befund zuspitzen. Doch er warnt vor dem naiven Glauben, dass technische Ausstattung automatisch zu besseren Lernergebnissen führt.

    Im Gegenteil: Eine zentrale Erkenntnis der OECD-PISA-Studien lautet, dass in vielen Ländern eine negative Korrelationzwischen blossem Computereinsatz und Bildungsergebnissen besteht. Mehr Geräte im Klassenzimmer bedeuten eben nicht mehr Verstehen. Technik ≠ bessere Bildung. Das ist kein Plädoyer gegen digitale Werkzeuge, sondern eine Einladung, die didaktische Frage vor die technische zu stellen: Was soll gelernt werden – und was hilft wirklich dabei?

    An dieser Stelle berührt sich Castells‘ Analyse mit dem, was mich seit über zwanzig Jahren in der Erwachsenenbildung beschäftigt. In einer Welt der digitalen Stofffülle und permanenten Verfügbarkeit ruft die wachsende Komplexität geradezu nach Fokus und nach #DidaktischeReduktion. Nicht das Tool macht den Unterschied, sondern die kluge Reduktion auf das Wesentliche und die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden.

    Die digitale Kluft ist eine Bildungsfrage

    Besonders unter die Haut geht Castells‘ nüchterner Satz: Die digitale Gesellschaft ist keine inklusive Gesellschaft. Sie reproduziert und verstärkt bestehende Ungleichheiten – nach Einkommen, Bildung, Wohnort, Geschlecht, Alter und Sprache.

    Die Zahlen sind deutlich. In Haushalten mit hohem Einkommen nutzen rund 92 Prozent das Internet, bei niedrigem Einkommen nur etwa 26 Prozent. In Städten sind es 82, auf dem Land 46 Prozent. Selbst wenn fast alle ein Smartphone besitzen, entscheidet die Qualität des Zugangs – Breitband, Endgerät, Kompetenz – darüber, wer wirklich teilhat. Hinzu kommt eine kulturelle Schieflage: Wer eine kleine Sprache spricht, findet einen Grossteil der digitalen Welt schlicht nicht in der eigenen Sprache vor, und KI-Systeme verstärken diese Asymmetrie, weil sie überwiegend mit wenigen dominanten Sprachen trainiert werden.

    Für uns heisst das: Digitale Bildungsgerechtigkeit ist kein technisches, sondern ein soziales Projekt. Wer Lernangebote „einfach digitalisiert“, ohne diese Klüfte mitzudenken, schliesst Teile der Lernenden leise aus.

    Was heisst das für Bildungsfachleute?

    Castells nimmt uns die Technikbegeisterung nicht weg – er erdet sie. Drei Gedanken nehme ich für meine Praxis mit.

    1. Kritisches Denken ist die wichtigste digitale Kompetenz. Castells‘ vorsichtiger Optimismus ruht ganz auf mündigen Menschen. Genau das zu fördern – Quellen prüfen, Datenmodelle durchschauen, Machtfragen stellen – gehört für mich heute in jede Weiterbildung.
    2. Zugang ist nicht gleich Teilhabe. Bevor wir das nächste Tool einführen, lohnt die Anfängerfrage, wer dadurch besser lernt – und wer zurückbleibt.
    3. Reduktion schlägt Akkumulation. Gerade weil das Digitale alles vervielfacht, wird die Fähigkeit, wegzulassen und zu fokussieren, zur Schlüsselkompetenz von Lehrenden.

    Castells‘ Buch ist anspruchsvoll, manchmal sperrig … aber es ist eine kluge Einladung, die digitale Gesellschaft nicht als Schicksal zu lesen, sondern als Gestaltungsraum. Und Gestaltung beginnt, auch im Lernen, mit guten Fragen.

    Ressourcen:

    Manuel Castells, Die digitale Gesellschaft. Eine kritische Einführung, Verlag Barbara Budrich, 2026 (ISBN 978-3-8474-3405-4)

    Interview mit dem Übersetzer zur deutschen Ausgabe, Verlag Barbara Budrich

    Englisches Original: Manuel Castells, Advanced Introduction to Digital Society, Edward Elgar Publishing, 2024

    Spanisches Original: Manuel Castells, La sociedad digital, Alianza Editorial, 2024

    Manuel Castells – Profil an der USC Annenberg School for Communication

    Manuel Castells bei Wikipedia

    Yvo Wüest, Mini-Handbuch Didaktische Reduktion, Beltz-Verlag, 2022

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