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88: Als ich mein Buch aus der Hand gab – über den Mut, ein Fachbuch nicht allein zu schreiben

Yvo Wüest mit seinem Fachbuch "Mini-Handbuch Didaktische Reduktion" auf dem Kopf balancierend
Fotoshooting zum dritten Fachbuch „Mini-Handbuch Didaktische Reduktion“ mit Ronny Barthel im März 2022 im 25hours in Zürich.

Ein leeres Padlet. Eine einzige Frage darauf. Und die Aussicht, dass in den nächsten Stunden bis zu hundert Fachleute mitlesen, was ich selbst noch nicht zu Ende gedacht hatte.

So begann im Herbst 2021 der mutigste Teil meiner bisherigen Autorenschaft. Der Verlag Beltz hatte mir den Auftrag für das «Mini-Handbuch Didaktische Reduktion» erteilt, mein drittes Fachbuch. Statt mich, wie bei den Büchern zuvor, in die stille Schreibklause zurückzuziehen, öffnete ich den Prozess. Für Trainerinnen, Ausbildende, Coachs, Lehrpersonen. Für Widerspruch.

Das Unfertige zeigen

Wer ein Fachbuch schreibt, verkauft am Ende Sicherheit. Klarheit, Struktur, eine geordnete Sicht auf ein komplexes Thema. Doch am Anfang steht selten Klarheit. Am Anfang steht eine Vermutung.

Diese Vermutung legte ich früh offen. In der Fachgruppe #DidaktischeReduktion auf LinkedIn, später auf einer geschützten Pinnwand, stellte ich zur Debatte, worüber ich noch keine fertige Meinung hatte: Welchen Fokus braucht das Buch? Welche Themen tragen? Was erwarten die Leserinnen und Leser vom Nutzen?

Zeitweise beteiligten sich bis zu hundert Personen. Mit jeder Antwort wuchs ein Gefühl, das ich aus meinen Trainings kenne, hier aber ungleich intensiver erlebte: die Mischung aus Aufregung und Blösse. Aufregung, weil Resonanz entstand. Blösse, weil ich ein Projekt zeigte, das noch Risse hatte. Aufregung, Angst und später Stolz kamen selten getrennt. Meist traten sie im selben Moment auf.

Warum ausgerechnet dieser Schritt der mutigste war? Weil er dem Selbstbild des Autors widerspricht. Der Autor, so die stille Erzählung, weiss. Er tritt vor sein Publikum, wenn das Werk steht. Ich trat davor, als es noch wackelte.

Als die Resonanzgruppe mein Lieblingsthema kippte

Ein Kapitel lag mir besonders am Herzen: «Humor in der Erwachsenenbildung». Ich hielt es für gesetzt.

Die Resonanzgruppe sah das anders. Sie fragte zurück, und zwar unbequem: Was genau verbindet Humor mit «Reduktion»? Wie hilft ein humorvoller Zugang dabei, der Stofffülle zu begegnen oder Komplexität zu bearbeiten? Auf diese Fragen hatte ich keine überzeugende Antwort.

Das sass. Ein liebgewonnenes Kapitel loszulassen, gehört zu den unangenehmeren Erfahrungen im Schreiben. Und es verlangt eine zweite Art von Mut: das Ergebnis der eigenen Öffnung auch anzunehmen.

Ich nahm die Herausforderung an. Noch nicht vollständig überzeugt, aber überstimmt von guten Argumenten. Rückblickend war das eine Lehre über Autorschaft: Wer sein Netzwerk fragt, muss dessen Antwort ertragen können.

Das „Mini-Handbuch Didaktische Reduktion“ liegt in meiner Lieblingsbuchhandlung, der Hirschmattbuchhanwlung Luzern, zum Verkauf auf.

Fremde Stimmen im eigenen Buch

Der dritte mutige Schritt betraf die Frage, wessen Name auf welcher Seite steht. Ich lud eine Reihe von Expertinnen und Experten aus Coaching, Facilitation, Berufsbildung und Online-Rhetorik ein, eigene Beiträge zu verfassen. Sie zeigten, wie es ihnen gelingt, der Stofffülle zu begegnen und Komplexität zu bearbeiten.

Damit gab ich etwas her, woran Autorinnen und Autoren gerne festhalten: die Deutungshoheit. Ein Fachbuch mit dem eigenen Namen auf dem Umschlag lebt vom Anspruch, dass hier eine Stimme spricht. Ich liess mehrere Stimmen zu.

Die Angst dabei war konkret. Würde das Buch zerfasern? Würde aus einer Argumentation ein Sammelsurium? Sie bewahrheitete sich nicht. Die fremden Beiträge erdeten das Buch, weil sie meine Thesen an der Praxis prüften.

Woher der Mut kam

Der Mut fiel mir nicht zu. Er wuchs über Jahre, und er hatte einen konkreten Ursprung: den Trainingsraum.

In meinen Trainings stehe ich seit Jahren vor kritischen Bildungsfachleuten, die nachfragen, widersprechen, weiterdenken. Diese Übung habe ich in den agilen Schreibprozess übertragen: live befragt zu werden, ohne eine fertige Antwort parat zu haben. Das Padlet war für mich ein verschriftlichter Seminarraum.

Halt gab mir zudem der Rahmen des Verlags. Die Reihe «Mini-Handbuch» gab eine Form vor, innerhalb derer ich experimentieren konnte. Und Menschen gaben Halt: die Mitglieder der Fachgruppe, die Illustratorin Christine Dubach mit ihren aussergewöhnlichen Bildern, die interviewten Fachleute. Mut ist selten eine Eigenschaft. Öfter ist er ein Netz, das trägt.

War es ein einzelner Moment? Nein. Es war ein langer innerer Prozess, der sich in einem Klick verdichtete: dem Augenblick, in dem ich die erste offene Frage veröffentlichte.

Was die mutigen Schritte bewirkten

Das Buch gewann an Breite und an Bodenhaftung. Es richtet sich heute an Bildungsfachleute in Aus-, Weiter- und Berufsbildung, in Präsenz wie online, und es trägt die Handschrift vieler.

Für meinen Weg als Autor veränderte sich mehr, als ich erwartet hatte. Laufend erhielt ich Einladungen, in Keynotes und Workshops über den kollaborativen Schreibprozess zu sprechen. Der Prozess wurde zum Thema, fast stärker als das Ergebnis. Und er wurde zu einer Signatur: Meine späteren Projekte, vom Podcast bis zum Fachbuch «Microlearning und Nanolearning», tragen dieselbe Grundhaltung.

Persönlich löste sich ein Mythos, an dem ich lange gehangen hatte: der einsame Autor am Bergschreibtisch. Ich schreibe noch immer gerne abgeschieden, in den Bergen oder im Sommer in Wien. Aber ich schreibe nicht mehr allein. Und in die Erinnerung mischt sich rückblickend ein spätes Gefühl von Stolz.

Cover der Neuauflage des „Mini-Handbuch Didaktische Reduktion“ im Beltz-Verlag in der Reihe Juventa (August 2026)

Würde ich es wieder tun?

Ja. Die Öffnung würde ich jederzeit wieder wagen.

Und doch würde ich eine Sache anders machen. Heute würde ich meine eigenen Überzeugungen entschiedener verteidigen. Beim Kapitel zum Humor bin ich mir bis heute nicht sicher, ob die Mehrheit recht hatte. Ein Netzwerk zu fragen, heisst nicht, ihm jede Entscheidung zu überlassen. Zwischen Offenheit und Beliebigkeit verläuft ein schmaler Grat, den ich damals vielleicht stellenweise zu vorsichtig ging.

Mut zur Öffnung, Mut zum Loslassen, Mut zum eigenen Standpunkt: Das dritte Element habe ich damals unterschätzt. Es nachzuholen, bleibt die Aufgabe jedes nächsten Buches.


Diese Zeilen entstehen im Rahmen einer Blogparade zum Mut in der Autorenschaft von Christine Storck. Ich bin neugierig, welche mutigen Momente andere Schreibende teilen. Und ich lade dich ein, mir in der Fachgruppe #DidaktischeReduktion oder in den Kommentaren zu erzählen, wann du zuletzt etwas aus der Hand gegeben hast, das dir wichtig war.

Ressourcen:

1 Kommentar zu „88: Als ich mein Buch aus der Hand gab – über den Mut, ein Fachbuch nicht allein zu schreiben“

  1. Lieber Yvo,
    ein wirklich interessanter Beitrag und Prozess! Andere so früh schon einzubeziehen und dennoch die eigene Stimme zu wahren – diese Gratwanderung kann ich sehr gut nachvollziehen. Was mich immer wieder begeistert, ist, wie unterschiedlich Autor:innen arbeiten. Das ist in der Belletristik nicht anders. Jedes Buch hat seine ganz besondere Geschichte.
    Herzliche Grüße, Christine Storck

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