
In diesem Beitrag berichte ich über meine Teilnahme beim Seminar «Körpersprache mit Samy Molcho: Nonverbale Signale richtig lesen» beim Zentrum für Unternehmensführung in Rüschlikon. Ein Tag mit einem Mann, der das Thema Körpersprache über Jahrzehnte geprägt und einem breiten Publikum zugänglich gemacht hat, den ich selber aber noch nie live erlebt hatte.
Für mich war dieser Tag aber noch aus einem anderen Grund interessant.
Vor ein paar Tagen veröffentlichte ich einen Blogbeitrag über den chilenischen Biologen und Philosophen Francisco J. Varela und sein Konzept der Enaktivität. Und plötzlich treffen zwei zunächst sehr unterschiedliche Perspektiven aufeinander: hier der bereits 90 Jahre alte Pantomime und Körpersprache-Experte Samy Molcho, dort der 2001 in Paris verstorbene Neurowissenschaftler und Erkenntnistheoretiker Francisco Varela.
Beide führen uns auf unterschiedlichen Wegen zu einer Frage, die für Bildungsfachleute zentral ist:
Welche Rolle spielt unser Körper beim Wahrnehmen, Kommunizieren und Lernen?
Samy Molcho: Vom Pantomimen zum Experten für Körpersprache
Samy Molcho wurde 1936 in Tel Aviv geboren. Er machte zunächst international Karriere als Pantomime und Regisseur und lehrte später am Max-Reinhardt-Seminar der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Über Jahrzehnte beschäftigte er sich damit, wie Menschen durch Haltung, Gestik, Mimik, Bewegung und räumliches Verhalten kommunizieren.
Seine Bücher machten das Thema weit über Theater und Schauspiel hinaus bekannt. Dazu gehören Alles über Körpersprache, Körpersprache der Kinder und 2005 Körpersprache des Erfolgs.
Molchos Ausgangspunkt ist unmittelbar einleuchtend: Menschen kommunizieren nicht nur mit Worten. Noch bevor wir etwas sagen, treten wir bereits in Beziehung zu unserem Gegenüber. Wir wenden uns zu oder ab. Wir schaffen Nähe oder Distanz. Wir öffnen oder verschliessen uns. Wir nehmen Raum ein oder machen uns klein.
Körpersprache ist damit nicht einfach eine zusätzliche Verpackung unserer verbalen Kommunikation.
Der Körper ist selbst Teil der Kommunikation.
Körpersprache ist mehr als ein Werkzeug
Hier wird Molcho für die Erwachsenenbildung interessant.
In Trainings zu Präsentation und Kommunikation behandeln wir Körpersprache häufig instrumentell: Blickkontakt halten. Aufrecht stehen. Hände sichtbar machen. Nicht die Arme verschränken. In meinen Trainings zu Auftrittskompetenz empfehle ich oft, sich selber als „Leuchtturm“ zu sehen: Ganz oben, strahlt das Licht.
Das kann hilfreich sein. Es greift aber zu kurz.
Denn Körperhaltung wirkt nicht nur auf andere. Unser körperliches Handeln steht auch in Beziehung dazu, wie wir selbst eine Situation erleben.
Wer vor einer Gruppe steht, nimmt diese Gruppe aus einer bestimmten körperlichen Position heraus wahr. Wer sich im Raum bewegt, verändert seine Beziehung zu den Lernenden. Wer sich neben eine Gruppe setzt statt frontal vor ihr zu stehen, verändert möglicherweise die gesamte Kommunikationssituation.
Der Körper ist deshalb nicht bloss ein Instrument, mit dem wir eine vorher festgelegte Botschaft transportieren.
Er ist an der Entstehung der Situation beteiligt.
An diesem Punkt wird die Verbindung zu Francisco Varela spannend.

Francisco Varela: Wir erkennen die Welt, indem wir in ihr handeln
Varela entwickelte gemeinsam mit anderen Forschenden einen Ansatz, der heute unter dem Begriff Enaktivismus diskutiert wird.
Didaktisch reduziert bedeutet Enaktivität: Wahrnehmen und Erkennen entstehen nicht dadurch, dass unser Gehirn eine fertige Welt von aussen einfach abbildet.
Wir erschliessen Welt, indem wir uns in ihr bewegen, handeln und mit unserer Umgebung interagieren.
Kognition ist deshalb nicht ausschliesslich ein Vorgang im Gehirn. Körper, Wahrnehmung, Handlung und Umwelt bilden ein dynamisches Gefüge.
Das hat weitreichende Konsequenzen für unser Verständnis von Lernen.
Lernen bedeutet dann nicht einfach, Informationen von einem Kopf in einen anderen zu übertragen. Lernende konstruieren Bedeutung, indem sie handeln, ausprobieren, wahrnehmen, Erfahrungen machen und diese Erfahrungen reflektieren.
Lernen ist verkörpert.
Molcho trifft Varela
Wir Menschen sind oft die Summe unserer Gewohnheiten –
aber nicht unserer Möglichkeiten.
Samy Molcho, 10.09.26, Rüschlikon
Natürlich wäre es fachlich falsch, Samy Molcho einfach zum Vertreter des Enaktivismus zu erklären.
Molcho kommt aus der Pantomime, dem Theater und der praktischen Beobachtung menschlicher Kommunikation. Varela argumentiert aus Biologie, Kognitionswissenschaft und Philosophie.
Und doch gibt es eine interessante Berührungslinie.
Molcho richtet unsere Aufmerksamkeit darauf, was der Körper in einer sozialen Situation tut.
Varela hilft uns zu verstehen, warum Körper und Handlung für Wahrnehmung und Erkenntnis grundsätzlich bedeutsam sind.
Aus dieser Verbindung entsteht für mich ein interessanter Perspektivwechsel:
Wir sollten in der Bildung weniger fragen, wie wir Informationen möglichst effizient vermitteln – und häufiger fragen, welche Erfahrungen wir den Lernenden ermöglichen.
Was bedeutet das für Bildungsfachleute?
Wenn wir Lernen ernsthaft als verkörperten Prozess verstehen, verändert sich unsere didaktische Perspektive.
Ein Seminarraum ist dann nicht einfach ein Behälter, in dem Inhalte vermittelt werden. Seine räumliche Gestaltung beeinflusst Interaktionen. Ein Stuhlkreis erzeugt andere Beziehungen als eine klassische Reihenbestuhlung.
Auch Methoden bekommen eine andere Bedeutung. Eine Simulation, ein Rollenspiel oder eine praktische Aufgabe sind nicht lediglich willkommene Abwechslungen nach einem theoretischen Input. Sie schaffen Situationen, in denen Lernende wahrnehmen, handeln und Bedeutung erzeugen können.
Dasselbe gilt für Lehrpersonen und Trainerinnen und Trainer. Wie wir im Raum stehen, wie wir uns bewegen, wem wir uns zuwenden, wie viel Raum wir beanspruchen und wann wir uns zurückziehen, ist Teil unserer Didaktik. Samy Molcho trainierte am Seminartag mit uns Nähe und Distanz, die Haltung und Position der Hände, und selbst die Wirkung einer veränderten Kopfhaltung.
Dazu liess er uns auch die eigene „Standfestigkeit“ auf dem Boden in Zweiersituationen ausprobieren. Und beobachten, was passiert, wenn wir die Kniegelenke nach rückwärts drücken und so verhindern, dass wir den Fuss nicht nach vorne setzen können. Was allerdings notwendig wäre, damit die Fusssohle abrollt und uns auf diese Weise einen Schritt weiter führt. In Erinnerung bleibt mir sein Empfehlung, gut den Kontakt zum Boden – mit dem ganzen Fuss – zu halten: „Du musst darauf achten, dass du mit den Fersen und den Fussballen auf dem Boden stehst, denn nur so gelingt es dir auch körperlich, einen Standpunkt einzunehmen“.
Wir gestalten Lernräume auch mit unserem Körper.
Und was hat das mit didaktischer Reduktion zu tun?
Auch hier sehe ich eine Verbindung.
Didaktische Reduktion wird manchmal missverstanden als blosses Weglassen von Inhalten. Doch gute Reduktion bedeutet nicht einfach: weniger Stoff.
Sie bedeutet, den Kern eines Gegenstands so zugänglich zu machen, dass Lernende damit etwas anfangen können.
Dazu braucht es nicht zwingend mehr Erklärungen. Manchmal braucht es vielmehr eine gut konstruierte Situation, eine Aufgabe, eine Beobachtung oder eine körperlich erfahrbare Irritation.
Statt zehn Folien darüber zu zeigen, wie unterschiedlich Menschen auf Nähe und Distanz reagieren, können wir Lernende beispielsweise – wie es Molcho vorgemacht hat – unterschiedliche Gesprächsdistanzen ausprobieren lassen.
Plötzlich wird aus Information Erfahrung.
Und aus Erfahrung kann – verbunden mit Reflexion – Erkenntnis entstehen.
Fazit: Lernen findet nicht nur im Kopf statt
Der Seminartag mit Samy Molcho erinnerte mich daran, etwas ernst zu nehmen, das wir in der Erwachsenenbildung gelegentlich aus den Augen verlieren:
Die Lernenden bringen in den Lernprozess stets ihren Körper mit.
Wir denken, sprechen und reflektieren nicht losgelöst von ihm. Wir stehen in Räumen, bewegen uns, beobachten andere, reagieren auf Nähe und Distanz und treten fortlaufend mit unserer Umwelt in Beziehung.
Samy Molcho macht diese körperliche Dimension der Kommunikation sichtbar. Francisco Varela gibt uns mit dem Konzept der Enaktivität einen theoretischen Rahmen, um noch grundsätzlicher darüber nachzudenken.
Für die Erwachsenenbildung liegt darin eine produktive Herausforderung.
Als „Freund der Reduktion“ fasse ich dies so zusammenfassen: Unsere Aufgabe besteht nicht darin, Lernenden möglichst viel Wissen zu übergeben.
Es geht vielmehr darum, Situationen zu gestalten, in denen Menschen wahrnehmen, handeln, erfahren, reflektieren – und dadurch ihr eigenes Wissen konstruieren können.
Wir Bildungsfachleute sind gut beraten, auf unsere eigene Lockerheit und Beweglichkeit zu achten. Die körperliche Lockerheit ist dabei kein Selbstzweck, sondern geht Hand in Hand mit einer Lockerheit des Geistes, die uns überhaupt erst fähig macht, die offerierten Möglichkeiten zu sehen und produktiv damit umzugehen.
Ressourcen:
-Blogartikel vom 08.09.26 von Yvo Wüest bei Education Minds: „Lernen lässt sich nicht herstellen – Was Francisco Varela der Erwachsenenbildung zu sagen hätte“.
-Das Buch „Körpersprache des Erfolgs“ von Samy Molcho, Ariston Verlag, 2005
-Beitrag in der Tagesschau SRF vom 10.09.26 ab Min. 21:23 über das Leben von Samy Molcho und sein Seminar beim Zentrum für Unternehmensführung in Rüschlikon.
–Interview mit Samy Molcho „Die Kraft der Körpersprache und die Macht der Stille“ (2025).
-Maja Storch, Benita Cantieni, Gerald Hüther, Wolfgang Tscheche: Embodiment. Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen, Huber Verlag, 2015
-Newsletter „Auf den Punkt“ von Yvo Wüest bei Education Minds GmbH abonnieren: https://steady.page/de/education-minds/newsletter/sign_up
