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98: Werkstatt statt Schaufenster – Junge Forschung zur Transformation in Bildung und Hochschule

    Jennifer Blank, Eva Niederhafner, André Bleicher (Hrsg.): Transformation in Bildung und Hochschule. Ansätze zur Gestaltung von Unterricht, Lehre und Forschung. Reihe «Junge Forschungsperspektiven», Band 1. Verlag Barbara Budrich 2025, 191 Seiten. Open Access (CC BY 4.0), ISBN 978-3-8474-3102-2. (Screenshot Yvo Wüest, 26.09.26)

    Wer diesen Titel liest, erwartet erprobte Konzepte. Ich jedenfalls hatte mit Projekten gerechnet, die im Schulzimmerzimmer oder im Hörsaal bereits laufen, samt Einblick in ihre Umsetzung. Beim Lesen wurde schnell klar: Diesen Anspruch erhebt der Band gar nicht. Er öffnet die Tür zur Forschungswerkstatt, und darin liegt für mich sein Wert.

    Dreizehn Doktorandinnen zeigen auf knapp 200 Seiten, woran sie arbeiten, wie sie denken und wo sie noch suchen. Manche Beiträge wirken ausgereift, andere legen Fragen offen, die sich erst formen. Wer Bildung gestaltet, bekommt hier einen seltenen Blick hinter die Kulisse. Denn in diesem Buch meldet sich die nächste Forschungsgeneration der Hochschulen für angewandte Wissenschaften zu Wort.

    Ein Netzwerk für den Nachwuchs

    Der Band eröffnet die Reihe «Junge Forschungsperspektiven» und geht auf BINAnet zurück, das Bildungsforschungs-Nachwuchs-Netzwerk der Hochschule Biberach. Das vom deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt begleitet Promovierende mit Schreibwerkstätten, Vernetzung und einem überfachlichen Rahmenprogramm. Jennifer Blank leitet das Institut für Bildungstransfer, Eva Niederhafner koordiniert das Projekt, André Bleicher lehrt Unternehmensführung und Organisation und beschäftigt sich mit der Zukunft akademischer Einrichtungen.

    Dahinter steht eine hochschulpolitische Verschiebung. Bis vor Kurzem führte der Weg zum Doktortitel für Absolventinnen baden-württembergischer Hochschulen für angewandte Wissenschaften fast nur über eine Kooperation mit einer Universität oder Pädagogischen Hochschule. Die Einleitung benennt offen, was das für viele bedeutete: fehlende Netzwerke und Respekt vor dem universitären Habitus, besonders bei Studierenden aus nichtakademischen Familien. Das Buch dokumentiert, was entsteht, wenn diese Hürden sinken.

    Die Leitfrage lautet: Wie lässt sich Bildung im Anthropozän so gestalten, dass sie zu einer Grossen Transformation beiträgt? Vier Teile ordnen die Antworten. Auf Begriffe und Konzepte folgen die Potenziale für den Schulunterricht und für die Hochschullehre, den Abschluss bilden Forschungsmethoden an der Schnittstelle zur Praxis.

    Erst die Begriffe, dann die Praxis

    Linda Vogt legt das Fundament. Sie zieht die Linie von den «Grenzen des Wachstums» (1972) bis zum Gutachten «Welt im Wandel» des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung (2011) und definiert die Grosse Transformation als sozial-ökologischen Wandel der ganzen Gesellschaft, den Menschen aktiv lenken. Ihre Pointe richtet sich an die eigene Zunft: Wer diesen Wandel erforschen will, muss Wissenschaft und Bildung selbst verändern. In ihrer Dissertation prüft sie das mit Bourdieus Begriffen von Habitus, Kapital und Feld an zwei Fällen, dem Verein Selbstbestimmt Studieren und der Universität Witten/Herdecke.

    Für mich ist der Beitrag von Laura Eigbrecht der ergiebigste des ganzen Bandes. In der Weiterbildung kursieren Future-Skills-Kataloge, als wären sie Naturgesetze. Eigbrecht zeigt mit einem Analyseraster, wie unterschiedlich diese Ansätze gebaut sind: in ihrer Begründung, ihrer Zielgruppe und vor allem in ihrem Menschenbild. Manche Kataloge verlangen, dass sich Menschen an eine Zukunft anpassen, die andere für sie entwerfen. Der transformative Typus, den sie skizziert, versteht Lernende dagegen als Mitgestalterinnen und Mitgestalter möglicher Zukünfte, die gemeinsam handeln.

    Fiona Schmidbauer schliesslich fragt, was Lernen in immersiver virtueller Realität theoretisch bedeutet. Mit der Raumsoziologie von Martina Löw und der Akteur-Netzwerk-Theorie Bruno Latours prägt sie den Begriff der Quasi-Materialität: Virtuelle Gegenstände wirken im VR-Headset beinahe wie physische und greifen dadurch in soziale Prozesse ein. Der Beitrag bleibt rein theoretisch, liefert aber ein präzises Werkzeug für künftige Studien.

    Schule und Hochschule: Potenziale mit Fragezeichen

    Carina Volk-Schor verbindet Bildung für nachhaltige Entwicklung mit Social Entrepreneurship Education und legt Hartmut Rosas Resonanztheorie darüber. Beide Konzepte zielen auf gesellschaftlichen Nutzen und Selbstwirksamkeit, beide funktionieren nur mit Lebensweltbezug. Das überzeugt als Programm. Ob Schülerinnen und Schüler dabei tatsächlich Resonanz erleben, soll erst die geplante Fallstudie zeigen.

    Der Beitrag, der mich am längsten beschäftigt hat, stammt von Marielouise Mürle-Thür. Sie unterscheidet das aristotelische Staunen, das Erkenntnis auslöst, vom platonischen Staunen als zweckfreier, verwandelnder Erfahrung. Die Didaktik hat sich fast nur für die erste Form interessiert und sie zur organisierten Irritation umgebaut. Mit Binder erinnert sie an eine schlichte Einsicht: «Staune!» lässt sich nicht befehlen. Wer Lernende gezielt irritiert, bekommt Aufmerksamkeit, aber noch lange kein Staunen.

    In Teil III wird es konkreter. Mirjam Hitzelberger stellt das Erasmus+-Projekt Global Sense vor, das angehende Lehrkräfte über virtuelle internationale Austauschformate für globale Fragen sensibilisiert; erste Evaluationsdaten zeigen Lernerfahrungen, aber auch weiteren Qualifizierungsbedarf. Aneta Heinz sucht an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Karlsruhe nach Digitalisierungspotenzialen für die Theorie-Praxis-Verzahnung. Studierende und Lehrende wünschen sich eine gemeinsame Kommunikationsplattform, geteilte Praxisbeispiele und Studienverlaufsportfolios. Melissa Gruber untersucht digitale educational Escape Games im MINT-Studium und klärt vor allem Begriffe; ihre Interventionsstudie steht noch aus.

    Methoden: der stärkste Teil des Buches

    Teil IV macht den Band lesenswert für alle, die Bildungsprojekte planen oder auswerten. Esther Baur zeigt, wie eine Theory of Change an Wirkung gewinnt. Solche Wirkungsmodelle stützen sich meist auf das, was Projektbeteiligte explizit sagen. Baur nutzt die Wissenssoziologie Karl Mannheims und die dokumentarische Methode, um auch das implizite, handlungsleitende Wissen zu erschliessen. Ihre Unterscheidung bringt es auf den Punkt: Neben die Frage «Was bringt uns zum Ziel?» tritt die Frage «Wie handle ich tatsächlich?».

    Drei Beiträge kreisen um Design-Based Research. Alina Gessler ordnet die gängigen Phasenmodelle und stellt fest, dass Forschende den Ansatz bisher fast nur in der Lehrkräftebildung nutzen. Offen bleibt für sie, wann ein iteratives Projekt als abgeschlossen gilt und an welchen Qualitätsstandards es sich messen lassen muss. Sonja Bleymehl zeigt die Methode in Aktion: Im Projekt Simulierte Welten entwickelt sie für die 6. und 7. Klasse eine Unterrichtssequenz, in der Lernende Computersimulationen verstehen und bewerten. Netzdarstellungen, die an vertraute Rechenbäume anknüpfen, und digitale Werkzeuge, die Fehler zulassen, erweisen sich dabei als hilfreich.

    Christiane Lieb überträgt Design-Based Research auf das Mathematik-Curriculum im Grundstudium und fragt, welche Data-Literacy-Kompetenzen Studierende für datenbasierte Entscheidungen brauchen. Ihr Beitrag legt das Vorgehen offen, Ergebnisse folgen erst in der Dissertation. Janina Deborah Limberger schliesst mit einer methodischen Entdeckung: Das Interview beginnt beim ersten Kontakt. Sie überträgt das Onboarding aus dem Personalwesen auf diese Vorphase und entwickelt daraus einen reflexiven Leitfaden. Die Effizienzlogik ihres Vorbilds benennt sie selbst als Spannung zur Forschungsethik.

    Screenshot von meinem Padlet zur Vorbereitung für diese Rezension (Yvo Wüest, 26.09.26)

    Was der Band leistet und wo er an Grenzen stösst

    Die Stärke des Buches liegt in seiner Offenheit. Die Autorinnen legen ihre Forschungsdesigns, Zwischenstände und Zweifel offen, was in Fachpublikationen selten geschieht. Die Beiträge verweisen aufeinander, Vogts Transformationsbegriff zieht sich als roter Faden durch mehrere Kapitel. Und weil der Verlag den Band frei zugänglich publiziert hat, kann jede Lehrperson einzelne Kapitel ohne Hürde in ein Seminar holen, was ich auf jeden Fall empfehle.

    Die Grenzen ergeben sich aus demselben Konzept. Belastbare empirische Befunde bleiben die Ausnahme; am ehesten liefern sie Hitzelberger und Heinz. Der Bezug zur Grossen Transformation ist unterschiedlich dicht, bei den Escape Games und beim Interview-Onboarding tritt er deutlich in den Hintergrund. Eine bilanzierende Schlussbetrachtung der Herausgeberinnen fehlt, sodass die Leserschaft die Fäden selbst zusammenführen muss.

    Aus Sicht der Erwachsenenbildung fällt eine Lücke auf. Der Band spricht von Schule und Hochschule, die Weiterbildung kommt als eigenes Feld nicht vor. Als Trainer in der Erwachsenenbildung mit rund 30 Jahren Erfahrung würde ich hier kritisch anmerken, dass sich gerade dort entscheidet, ob Erwachsene den Wandel mitgestalten oder nur nachvollziehen. Viele Einsichten lassen sich trotzdem übertragen.

    Fazit: Was Bildungsfachleute mitnehmen können

    «Transformation in Bildung und Hochschule» versteht sich weder als Lehrbuch noch als Nachschlagewerk. Der Band hält ein Forschungsfeld im Moment seiner Ausdifferenzierung fest und lädt dazu ein, einzelne Themen gezielt zu vertiefen. Wer sich für transformative Bildung interessiert, lernt dabei die Arbeit einer neuen Generation von Wissenschaftlerinnen kennen. Und wer genau liest, findet mehr Handfestes, als der Werkstattcharakter vermuten lässt.

    Für die Weiterbildung und Erwachsenenbildung sehe ich vier Impulse:

    • Future-Skills-Kataloge auf ihr Menschenbild prüfen, bevor sie ins Kursdesign wandern. Eigbrechts Raster eignet sich dafür als Checkliste.
    • Wirkungsmodelle für Bildungsprojekte mit dem impliziten Wissen der Beteiligten anreichern, über die offiziellen Zielformulierungen hinaus (Baur).
    • Dem Staunen Raum geben, statt es als Aktivierungstrick zu verplanen (Mürle-Thür). Didaktische Reduktion schafft genau diesen Raum.
    • Bedarfsanalysen und Evaluationsgespräche mit einem bewusst gestalteten Onboarding beginnen (Limberger).

    Für Hochschulen und Hochschuldidaktik liefert der Band diese Anstösse:

    • Design-Based Research als Rahmen für Lehrentwicklung nutzen, die Forschung und Praxis in Zyklen verbindet (Gessler, Bleymehl, Lieb).
    • Die Theorie-Praxis-Verzahnung digital stützen und bei Kommunikation und Organisation beginnen, wo der Aufwand klein und der Nutzen gross ist (Heinz).
    • Den eigenen Nachwuchs mit Formaten wie BINAnet fördern: Schreibwerkstätten, Peer-Netzwerke und die Chance, früh zu publizieren.

    Wer von Bildung verlangt, die Gesellschaft zu verändern, muss zuerst die eigenen Institutionen befragen. Dieses Buch zeigt, wie eine junge Forschungsgeneration damit anfängt. Die Antworten stehen noch aus. Die Fragen sind gestellt.

    Der Band ist als Open-Access-Ausgabe auf peDOCS frei verfügbar.

    Transparenzhinweis: Das Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Die Rezension gibt meine persönliche Einschätzung wieder.

    Ressourcen:

    Podcastgespräch mit Ulrich Wirth zu seinem neuen Buch „Resonante Lernkulturen“ (2026).

    https://education-minds-podcast.podigee.io/189-neue-episode

    Link zum Buch beim Verlag Barbara Budrich.

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