
Resonanz. Ein Wort, das fast zu poetisch klingt für die Welt der Lehrpläne, Kompetenzraster und Output-Messungen. Und genau das ist der Punkt. Mit seinem Buch «Resonante Lernkulturen. Personal- und Organisationsentwicklung neu denken: 100 radikale Lernformate für das KI-Zeitalter» legt Ulrich Wirth ein kraftvolles Plädoyer vor, das mich sofort faszinierte. Seine These: Das grösste Problem moderner Bildung ist nicht Wissensmangel, sondern Bedeutungsmangel.
Wer ist Ulrich Wirth?
Ulrich Wirth leitet ein universitäres Bildungszentrum für Gesundheitsfachberufe am Universitätsklinikum des Saarlandes und arbeitet seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Bildung, Führung und Organisationsentwicklung. Er gestaltet Transformationsprozesse, entwickelt innovative Lernformate und wurde für seine Projekte mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem SCHULEWIRTSCHAFT-Preis 2024. Bereits 2014 veröffentlichte er mit «Physiologie der Un-Konferenz» ein Buch, das nach dem Gegenteil der üblichen Sitzung fragte: nach Veranstaltungen, die Menschen in Resonanz versetzen. Das neue Werk ist mit 348 Seiten viereinhalbmal so umfangreich wie sein Vorgänger und geht einen entscheidenden Schritt weiter: Es fragt nicht mehr, wie wir Strukturen aufbrechen, sondern wie wir Lernräume gestalten, die Resonanz erzeugen.
Lernen ist kein Wissenstransfer, sondern ein Beziehungsgeschehen
Die Kernthese des Buchs widerspricht dem verbreiteten Verständnis von Lehren und Lernen deutlich: Lernen ist weniger Veranstaltung, sondern insbesondere … Beziehung. Zwischen Menschen, zwischen Organisation und Welt, zwischen dem, was ist, und dem, was möglich wird. Wirth knüpft dabei an den Soziologen Hartmut Rosa an, der Resonanz als «Antwortbeziehung zur Welt» beschreibt: einen Zustand, in dem sich Subjekt und Welt gegenseitig berühren und verändern. Für die betriebliche Bildung heisst das: Nicht der Stoff, sondern der Ton entscheidet, ob Lernen wirkt. Nicht Inhalte, sondern Erfahrungen prägen.
«Resonanz entsteht nicht durch Belehrung, sondern durch Berührung.»
Das ist mehr als ein hübscher Aphorismus. Wirth macht Rosas Resonanztheorie für Entscheiderinnen und Entscheider operativ: als Organisations- und Führungsparadigma. Es geht nicht um Optimierung, sondern um Begegnung. Nicht um Effizienz, sondern um Bedeutung. Nicht um Kontrolle, sondern um Antwortfähigkeit. Wo Resonanz entsteht, wird Zukunft möglich. Wo sie fehlt, folgt der Exodus der Talente. Resonanz, so Wirth, ist das neue Kapital.
100 Lernformate, aber keine Methodensammlung
Wer beim Untertitel an eine weitere Methodensammlung denkt, greift zu kurz. Die über 100 Formate, vom Klassiker Barcamp bis zu Neuschöpfungen wie dem «Corporate Exorcism Lab» oder dem «Circular Competence Camp», folgen einer anderen Logik von Lernen. Das Buch versteht sich nicht als Curriculum, sondern als Spielfeld. Die «Resonanzlabore» setzen dort an, wo es in der Organisation gerade knirscht. Sechs Zugänge strukturieren das Material:
- Partizipative Formate – Lernen durch Teilhabe
- Mikro- und Hybrid-Formate – Lernen im Rhythmus des Alltags
- Reflexive und ethische Formate – Lernen als Erkenntnisprozess
- Kuratierte Formate – Lernen als Ereignis
- Analytische und KI-gestützte Formate – Lernen als Spiegel
- Canvas und Tools – Gestaltung von Lernkultur
Dazu kommen sechs «Resonanzpfade» als Kompass durch das Buch, von Care und Resonanz über Konflikt, Unlearning und Ethik bis zu KI und algorithmischer Kultur, Ästhetik, Nachhaltigkeit sowie Commons und Governance.
Formate sind nie neutral: Lernformate als Führungsinstrument
Ein Gedanke hat mich besonders angesprochen: Lernformate sind für Wirth nicht nur didaktische Settings, sondern Führungsinstrumente. Sie bestimmen, wer spricht, wer zuhört, wer bewertet und wer beteiligt wird. Jedes Format ist damit eine Kultur- und Machtinszenierung, eine soziale Bühne. Die Art, wie Organisationen Lernen gestalten, macht ihre Kultur sichtbar: Vertrauen, Mut, Kontrolle oder Angst. Betriebliche Bildung wird so zum Diagnoseinstrument. Und umgekehrt gilt: Wer Kultur verändern will, muss Lernformate radikal neu denken.
Vom Ich zum Wir des Wissens
Konsequent denkt Wirth auch die Rolle der Lehrenden neu. Das Expertenmonopol ist am Ende: Wissen ist heute performativ, es existiert, weil es geteilt wird. Die Trainerin, der Trainer wird vom Wissenshüter zum Möglichkeitsmacher, von der Vermittlerin zur Katalysatorin. Die zentrale Frage lautet nicht mehr «Wer weiss mehr?», sondern «Wie bringen wir unser Wissen in Resonanz?». Damit das gelingt, braucht Co-Learning vor allem eines: psychologische Sicherheit. Gemeinsames Lernen entsteht nur dort, wo Menschen ohne Angst vor Fehlern sprechen, fragen und experimentieren können. Führung bedeutet dann weniger Kontrolle und mehr Vertrauen. Oder in Wirths Worten:
«Gute Moderation ist keine Kontrolle der Dynamik, sondern eine Choreografie des Chaos.»

KI als Spiegel, nicht als Antwortmaschine
Das Buch positioniert sich klar im KI-Zeitalter, aber anders als gewohnt. Wirth versteht künstliche Intelligenz nicht als Antwortmaschine, sondern als Spiegel des eigenen Denkens. Maschinen können Informationen kombinieren und Muster erkennen; Vertrauen, Beziehung, Intuition und Resonanz bleiben menschliche Fähigkeiten. Es geht nicht um Mensch gegen Maschine, sondern um Co-Produktion von Mensch und Maschine. Seine Warnung an Organisationen ist deutlich: Sie verlieren künftig nicht wegen fehlender KI, sondern wegen fehlender Resonanz.
Mein Fazit
«Resonante Lernkulturen» ist kein bequemes Buch. Es fordert von uns Lehrenden, mehr zu verlernen als dazuzulernen: den Reflex, Ordnung herzustellen, das Chaos wegzumachen, alles auf Ziele und Output zu trimmen. Man kann kritisch fragen, ob Resonanz in grossen Organisationen unter Fachkräftemangel, Zeitdruck und Effizienzanforderungen überhaupt skalierbar ist. Doch genau diese Reibung macht die Lektüre wertvoll. Das Buch hebt unsere Arbeit aus der Methodendiskussion heraus und stellt sie in einen grösseren Zusammenhang: Wer in Zukunft Lernräume gestaltet, gestaltet Weltbeziehungen. Für Trainerinnen, Coaches, Führungskräfte und Bildungsverantwortliche, die spüren, dass es in der Bildung um mehr geht als um den nächsten optimierten Lernpfad, ist es eine anregende und stellenweise wohltuend irritierende Lektüre. Denn genau dort, wo es irritiert, beginnt Lernen.

Vertiefendes Podcastgespräch:
Ich hatte dieses Sommer das Vergnügen, mit Ulrich Wirth ein Podcastgespräch bei «Education Minds – Didaktische Reduktion und Erwachsenenbildung» aufzuzeichnen. Wir sprechen darin über die Grenzen klassischer Seminarformate, über Resonanz in der Praxis, über Lernformate als Führungsinstrumente und über die Frage, die alle umtreibt, die sein Buch zuklappen und am nächsten Morgen wieder im selben System sitzen: Wo fange ich eigentlich an? Mein Tipp: Abonniere am besten gleich den Podcast, damit du keine weitere Episode verpasst.
Ressourcen:
Ulrich Wirth: Resonante Lernkulturen. Personal- und Organisationsentwicklung neu denken: 100 radikale Lernformate für das KI-Zeitalter. BoD – Books on Demand, April 2026, 348 Seiten, ISBN 978-3-8423-8537-5. https://buchshop.bod.ch/resonante-lernkulturen-ulrich-wirth-9783696325749
Podcast-Epsiode Nr. 166 Resonante Lernkulturen mit Ulrich Wirth bei Education Minds: https://education-minds-podcast.podigee.io/189-neue-episode