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24: Exkursion als innovative Lernmethode in der Erwachsenenbildung

    Unter einer Exkursion verstehen wir in der Regel einen “Gruppenausflug zu wissenschaftlichen oder Bildungszwecken”. So steht es im Brockhaus, 2006, auf S. 640. In diesem Beitrag gehe ich auf die Methode ein und frage zusätzlich bei Ferishi Salome Schaub nach. Sie ist diplomierte Arbeitsagogin und Anlageführerin und auch in Ihrem Einsatzgebiet, der Arbeitsagogik, kommt die “Exkursion” zum Einsatz. 

    Definition des Begriffs «Exkursion»

    Der Begriff der Exkursion bedeutet auf Lateinisch heraus-, oder hinauslaufen und fasst gut zusammen, was dabei im Mittelpunkt steht: Es geht um eine methodische Form des schulischen Lernens in einem außerschulischen Lernkontext. Meistens mit einer Dauer von einer Schulstunde bis zu mehreren Tagen. Früher ging dabei oft um die Vermittlung von z. B. geographischen Lerninhalten und dies in der unmittelbaren Konfrontation mit dem Lerngegenstand in seiner realen Umgebung.

    Image by Gianni Crestani from Pixabay

    Exkursionen in der Erwachsenenbildung

    Heute können wir eine Exkursion auch als kraftvolles andragogisches Werkzeug sehen. Sie bietet Lernenden in Angeboten der Erwachsenenbildung eine ausgezeichnete Möglichkeit, neue Fähigkeiten zu erwerben und ihr Wissen in realen Kontexten zu vertiefen. Gut geplant und organisiert ist eine Exkursion mehr als ein einfacher Ausflug oder «Tapetenwechsel»: es ist ein wertvolles Instrument zur Stärkung der Lernmotivation und zur Entwicklung multipler Kompetenzen.

    Vorteile der Exkursionen für Erwachsenenbildung

    Die Exkursion als Lernmethode bietet mehrere Vorteile. Sie stärkt die Beobachtungsfähigkeit, fördert den Austausch der Exkursionsteilnehmenden untereinander und ermöglicht ein tieferes Verständnis komplexer Sachverhalte. Vielfach erstreckt sich die Relevanz und Effektivität dieser Methode über mehrere Disziplinen und Kontexte hinaus und fördert einen interdisziplinären Ansatz.

    Die Exkursion als Ergänzung traditioneller Lehrmethoden

    Allerdings sollte die Exkursion nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zu traditionellen Lehrmethoden gesehen werden. Mit einer Exkursion bieten wir den Lernenden die Gelegenheit, konkrete Anwendung theoretischer Konzepte vor Ort zu sehen und ermöglichen ihnen damit ein tiefgreifendes, praxisnahes Verständnis der behandelten Themen. Idealerweise spricht die Exkursion mehrere Sinne an und schafft eine Atmosphäre, in der sich die Lehrenden und Lernenden untereinander besser bzw. von einer anderen Seite kennenlernen können. 

    Ziele einer Exkursion als Lehrmethode

    Didaktisch reduziert können wir sagen: Eine Exkursion ist Lernen, aber ausserhalb des klassischen Kursraumes. Eine gelungene Exkursion dient in erster Linie dem Erreichen der definierten Lernziele. 

    Dabei kann die Methode «Exkursion» mehrere Zwecke erfüllen:

    -als motivierender Start zur Einführung eines neuen Themas

    -als Recherchemöglichkeit zur Erarbeitung weiterer Infos zu einem bereits bekannten Thema

    -als Möglichkeit des Transfers von Wissen im Rahmen eines neuen Kontexts

    -zur Vertiefung und Festigung von kürzlich erworbenem Wissen

    Die Gestaltung einer effektiven Exkursion

    Die Planung und Durchführung einer effektiven Exkursion erfordern Sorgfalt und Vorbereitung. Von der Auswahl des Ortes, Wahl der besuchten Institution und Definition geeigneter Gesprächspartner:innen über die Festlegung der Lernziele bis hin zur Nachbereitung der Exkursion – jeder Schritt ist wichtig, um das volle Potenzial dieser Methode auszuschöpfen.

    Bei der Planung einer Exkursion braucht es wie oft in der Erwachsenenbildung zuerst eine kluge Auslegeordnung.

    Typische drei Phasen einer Exkursion

    1. Vorbereitung:

    Erläuterung des Bezugs zum Lernthema sowie der Ziele der Exkursion, Informationen und Arbeitsaufträge besprechen (Referate, Rallye, Fragebogen …).

    2. Durchführung:

    Die Lernenden gehen ihren Arbeitsaufträgen durch Betrachten, Erkunden, Nachfragen und Lesen nach. Sie schlüpfen beim Halten von Referaten selbst in die Rolle von Expert:innen oder lernen von Expert:innen vor Ort.

    3. Nachbereitung:

    Auswertung und evtl. Präsentation (z. B. Plakate oder Wandzeitungen, Vorträge, Exkursionsberichte, PowerPoint-Präsentationen, Video-Aufzeichnung …).

    Die Planung einer effektiven Exkursion

    1. Ziel festlegen:

    Welcher Ort eignet sich, um die gesetzten Lernziele zu erreichen?

    • Dauer bestimmen:

    Wie lange werden die Lernenden benötigen, um ihre Aufgaben zu erfüllen? Die Dauer der Exkursion sollte immer auch in einem sinnvollen Verhältnis zur aufgewendeten Anreisezeit stehen.

    • Termin finden:

    Wann wäre für die Lernende und den Zielort ein günstiger Zeitpunkt? 

    • Kosten:

    Wie hoch sind die Kosten für die Transportmittel, Eintrittsgelder, Führungen, ggf. Verpflegung und Übernachtung? 

    • Verhaltensregeln besprechen

    Allenfalls ist es notwendig, auf Gefahren oder Bestimmungen vor Ort hinzuweisen oder Themen wie «Pünktlichkeit» genauer zu regeln. 

    • Anreise: 

    Wie erreichen die Lernenden den Zielort? Wo genau trifft sich die Gruppe? Wann ist die Rückreise geplant?

    • Pausen und Verpflegung 

    Um die Energie hochzuhalten und den Austausch untereinander zu fördern, ist es empfehlenswert, ein gemeinschaftliches Mittagessen, eine «Teilete» oder ein Abschlussapéro einzuplanen.

    Ferishi Salome Schaub, Eidgenössisch diplomierte Arbeitsagogin HF, Teamleiterin in der VEBO Genossenschaft

    Ein Fallbeispiel aus der Arbeitsagogik für Exkursionen in der Erwachsenenbildung

    Fallbeispiele aus unterschiedlichen Disziplinen können die Vielseitigkeit und Wirksamkeit von Exkursionen demonstrieren. Sie bieten konkrete Einblicke in den Prozess der Planung und Durchführung einer Exkursion und zeigen, wie diese Methode den Lernprozess auf dynamische und motivierende Weise bereichern kann.

    Für diesen Blogbeitrag habe ich meine Netzwerkkollegin Ferishi Salome Schaub, vom Hintergrund Arbeitsagogin und Anlagenführerin, um einen kurzen Einblick in das Thema “Exkursion” in ihrem Arbeitskontext gebeten. 

    Frage: Ferishi, ich habe verstanden, in der Arbeitsagogik, oder Arbeitserziehung, wie es in Deutschland heisst, findet Erwachsenenbildung nicht im klassischen Sinne statt. Wie ist die Spielanlage in deinem Fachgebiet?

    Ferishi: In der Arbeitsagogik arbeiten wir wie in der Erwachsenenbildung auch mit Lerninhalten. Aber diese “vermitteln” wir nicht einfach. Sondern die spezifischen Lerninhalte stehen für eine arbeitsmarktrelevante Kompetenzentwicklung, mit dem Ziel einer Integration oder Reintegration in die Arbeitswelt.

    Frage: Was sind die Gründe, dass Menschen bei euch Unterstützung durch ausgebildete Arbeitsagog:innen brauchen?

    Ferishi: Es gibt eine wachsende Zahl von Mitarbeitenden in den Betrieben mit gesundheitlichen und psychischen Beeinträchtigungen. Das können bipolare Störungen, Depressionen, Schizophrenie, Suchtmittelabhängigkeit oder Angststörungen sein. Oft sind das gestandene Berufsleute, mit spezifischen Kompetenzen, die sie aber durch ihre aktuelle Situation nicht vollständig abrufen oder einbringen können. Manchmal kommt dazu noch Migrationserfahrung und damit verbunden eine mangelnde Anerkennung bisheriger Qualifikationen hier in der Schweiz oder sprachliche Barrieren. Diese Hindernisse erschweren es, direkt an ihre bisherige berufliche Laufbahn anzuknüpfen. 

    Frage: Wo kommen bei dir in der Arbeitsagogik Exkursionen ins Spiel?

    Ferishi: Exkursionen stehen in meinem Arbeitsbereich für Trainingseinheiten, die den Wechsel von Klient:innen von innerhalb zu ausserhalb der Institutionen begleiten.

    Frage: Verstehe ich dich Richtig: Mit Exkursionen meint ihr Arbeitseinsätze draussen in der “realen Arbeitswelt”, damit die Klient:innen Arbeitserfahrungen unter authentischen Bedingungen sammeln können?

    Ferishi: Ja, darum geht es. Für Einsätze bei der Auftragsfirma vor Ort, müssen gewisse arbeitsmarktrelevante Grundkompetenzen bereits vorhanden sein. Die Klient:innen müssen beispielsweise über Lernbereitschaft verfügen. Sie müssen belastbar und kritikfähig sein. Sie sollten bereits über grundlegende fachliche Qualifikationen im jeweiligen Arbeitsbereich verfügen. 

    Frage: Kommen auch soziale Komponenten zu diesem Anforderungsprofil hinzu?

    Ferishi: Richtig, die Klient:innen sollten fähig sein, selbständig -in einfachen Problemstellungen – Lösungswege zu erarbeiten und auszuführen. Auch kleinere Konflikte mit Arbeitskolleg:innen sollten sie selber lösen und sich in einem sozialen Gefüge einordnen und zurechtfinden können. Im Kern geht es darum, bei dieser Exkursion oder bei diesem Arbeitseinsatz eine konstante Präsenz und gleichzeitig auch Leistung zeigen zu können und bereits vorhandene Basisfähigkeiten weiter auszubauen. 

    Frage: Wie gestaltet ihr in der Arbeitsagogik diese spezielle Form der “Exkursion”? Worauf achtet ihr?

    Ferishi: Ein bewährter Weg führt über eine lern- und kompetenzförderliche Arbeitsgestaltung. Dabei definieren wir besondere Arbeitsarrangements, die in der Erwachsenenbildung spezifischen Lernarrangements entsprechen würden. Damit versuchen wir persönliche Entwicklungsziele zu fokussieren. 

    Von Peter Dehnbostel gibt es bestimmte Kriterien, die in der Arbeitsgestaltung enthalten sein sollen, um eine realistische Ausgangslage in dieser “Exkursion” zu schaffen:

    1. Vollständige Handlungen durchführen können im Sinne einer Projektorientierung
    2. Handlungsspielraum
    3. Problem- und , Komplexitätserfahrung
    4. Soziale Unterstützung und kollektiver Support
    5. Individuelle Entwicklung
    6. Erweiterung von Professionalität
    7. Reflexivität

    Frage: Hast du besondere Erkenntnisse bei der Umsetzung dieser “Exkursionen” in der Arbeitsagogik sammeln können?

    Ferishi: Eine wichtige Erkenntnis war für mich, dass unter den verschiedenen Kompetenzbereichen die Sozial- und Selbstkompetenzen am stärksten zu gewichten sind. 

    Besonders Mitarbeitende mit einem psychischen Krankheitsbild, haben manchmal Hemmungen und Unsicherheiten im Umgang mit Personen aus einem neuen und unbekannten Kreis. 

    Arbeitsversuche scheitern häufiger an zwischenmenschlichen Schwierigkeiten und weniger an den fachlichen Fähigkeiten einer Person. Mit gezielten Übungseinheiten in diesem Bereich, eben das, was wir in meinem Bereich unter “Exkursionen” verstehen, können so wertvolle Ressourcen aufgebaut und entdeckt und damit das Selbstwertgeführ dieser Klient:innen gestärkt werden.

    Frage: Du hast jetzt besonders euer Verständnis von “Exkursionen” im Sinne von zm Teil begleiteten Ausseneinsätzen von Klient:innen in Aussenbetrieben dargestellt. Gibt es bereits im normalen arbeitsagogisch gestalteten Alltag Möglichkeiten, solche Effekte von “Exkursionen” zu simulieren?

    Ferishi:  Ja, das gibt es. Aus meiner Erfahrung sind besonders Projekt- oder Gruppenarbeiten geeignet, die Wirkung einer vorhin beschriebenen Exkursion nachzuahmen. 

    Bereits ein anders zusammengesetzter Personenkreis, zum Beispiel ein abteilungsübergreifendes Projektteam, oder die Partizipation einer Klient:in von Anfang bis Ende in einem Projektverlauf, ergeben Erfahrungssituationen, in denen wichtige Handlungskompetenzen trainiert und angewendet werden können.

    Die Klient:innen können sich dabei als Teil einer Gruppe fühlen und zur Lösungsfindung beitragen. Sie können vor- und nachgelagerte Prozesse oder Zusammenhänge besser verstehen. Durch die schrittweise und angemessene Übernahme von mehr Verantwortung in ihrem Teilbereich erleben sie Selbstermächtigung und entwickeln ihre Professionalität. 

    Image by Gianni Crestani from Pixabay

    Online-Exkursionen – Die digitale Zukunft der Lernexkursionen?

    Nach diesem Beispiel aus der Arbeitsagogik schauen wir erneut auf die klassische Erwachsenenbildung. In einer zunehmend digitalisierten Welt, verändert sich auch die Art und Weise, wie wir lernen. Online-Exkursionen, die den Einsatz von Technologien wie Virtual und Augmented Reality nutzen, sind eine natürliche Weiterentwicklung traditioneller Exkursionen und bieten neue Möglichkeiten für die Erwachsenenbildung.

    Die wichtigste Veränderung ist sicher die Möglichkeit, jeden Ort der Welt vom Komfort des Kursraumes aus zu “besuchen”. Sie eröffnen neue Wege für das Lernen, indem sie Zugang zu Orten, Kulturen und Erfahrungen bieten, die sonst möglicherweise unzugänglich wären. Ob es sich um eine virtuelle Tour durch ein Museum am anderen Ende der Welt oder um einen Einblick in die Arbeit eines Unternehmens in einer anderen Stadt handelt, Online-Exkursionen können die Lernenden in neue Umgebungen eintauchen lassen, ohne die physischen Beschränkungen herkömmlicher Exkursionen.

    Vorteile von Online-Exkursionen

    Darüber hinaus bieten Online-Exkursionen eine kostengünstige und zeiteffiziente Alternative zu traditionellen Exkursionen. Sie erfordern weniger logistische Planung und können zu jeder Tageszeit durchgeführt werden, was sie besonders flexibel und für viele Bildungseinrichtungen attraktiv macht.

    Aber wie jede Lernmethode haben auch Online-Exkursionen ihre Herausforderungen. Es ist wichtig, den Lernenden genügend Anleitung und Unterstützung zu bieten, um sicherzustellen, dass sie von der Erfahrung tatsächlich profitieren können. Mit der richtigen Planung und Durchführung, können Online-Exkursionen eine aufregende und effektive Ergänzung zu zum traditionellen Lernangebot sein. Damit repräsentieren sie eine zukunftsorientierte Methode, die das Lernen weiterhin in eine immer vernetztere und globalisierte Welt integriert.

    Fazit: Die transformative Kraft der Exkursionen

    Die Exkursion ist eine wertvolle Lernmethode in der Erwachsenenbildung, welche tendenziell die Lernmotivation erhöht und den Kompetenzerwerb fördert. Sie bietet Lernenden die Möglichkeit, sich direkt mit dem Lerngegenstand in seiner realen Umgebung auseinanderzusetzen und so ein tieferes und nachhaltigeres Verständnis der behandelten Themen zu entwickeln. Als Lehrer, Trainer oder Personalentwickler -aber auch als Arbeitsagog:innen- liegt es an uns, diese innovative Methode zu nutzen und damit die Qualität und Wirksamkeit unserer Lernangebote zu verbessern. Mit guter Planung und Durchführung können Exkursionen eine transformative Erfahrung für die Lernenden sein, das Lernen in der «Gemeinschaft» stärken und sie dabei unterstützen, ihr volles Potenzial auszuschöpfen.

    Ressourcen:

    In der LinkedIn-Fachgruppe #AusbilderSchulleitendePersonalentwickler tauschen wir uns über Didaktik und Methodik in der Erwachsenenbildung und Innovationen in der Personalentwicklung aus.

    Christian Stolz, Benjamin Feiler: Exkursionsdidaktik – Ein fächerübergreifender Praxisratgeber für Schule, Hochschule und Erwachsenenbildung, utb 2018

    George Glasze, Grundlagen einer Didaktik interaktiver Exkursionen, Robert Pütz & Florian Weber, 2021

    Mirka Dickel, Georg Glasze (Hg.), Vielperspektivität und Teilnehmerzentrierung – Richtungsweiser der Exkursionsdidaktik, Reihe Kulturgeographie, 2009

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