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37: Exportschlager Duales Berufsbildungssystem?

    Das duale Berufsbildungssystem, ein Modell, das tief in der deutschen, ein in der deutschen, schweizerischen und österreichischen Bildungstradition tief verwurzeltes Modell, findet international große Beachtung. Während insbesondere in Deutschland kritische Stimmen zur Entwicklung des Ausbildungsmarktes laut werden, sehen andere Länder das System als mögliches Vorbild zur Stärkung der eigenen beruflichen Bildung.

    In diesem Beitrag beleuchte ich das Thema aus verschiedenen Perspektiven und spreche mit Klaus-Jürgen Brix, einem Experten für Vocational Training, der seit vielen Jahren in China lebt und arbeitet.

    Klaus-Jürgen Brix, Experte für Vocational Training in China, November 2023

    Globale Perspektive: Interesse über alle Grenzen hinweg

    Länder wie Spanien, Griechenland, Portugal, Italien, die Slowakei, Lettland, aber auch außereuropäische Nationen wie Indien, China, Russland und Vietnam zeigen großes Interesse am dualen System. Die Europäische Kommission betont in ihrem Strategiepapier „Neue Denkansätze für die Bildung“ die Bedeutung des Lernens am Arbeitsplatz, insbesondere in dualen Modellen, zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit.

    Die wichtigsten Vorteile von dualen Berufsbildungssystemen

    1. Unternehmen profitieren vom dualen Ausbildungssystem, da es Fachkräfte hervorbringt, die praktische und theoretische Kenntnisse effektiv verknüpfen können. Diese Fachkräfte zeichnen sich durch eine Kombination von handwerklichem Geschick und kritischem Denken sowie die Fähigkeit aus, praktische Erfahrungen und theoretisches Wissen nahtlos zu integrieren.
    2. Für Schwellen- und Entwicklungsländer ist das duale Ausbildungssystem ein Schlüsselinstrument, um qualifizierte Arbeitskräfte zu generieren. Diese Fachkräfte sind entscheidend, um ausländische Investitionen anzuziehen und so die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben.
    3. Staat und Gesellschaft ziehen aus der dualen Ausbildung erheblichen Nutzen: Sie bietet jungen Menschen, insbesondere denen mit Startschwierigkeiten, Zugang zu Beschäftigung und gesellschaftlicher Teilhabe. Zudem sind die Kosten für die öffentliche Hand im Vergleich zu rein schulbasierten Ausbildungsmodellen geringer, was das System besonders attraktiv macht.
    4. Für junge Menschen stellt die duale Ausbildung eine wertvolle Verbindung zwischen Bildung und Beruf dar. Sie bietet nicht nur einen praxisnahen Einstieg in das Arbeitsleben, sondern ist oftmals auch mit einer finanziellen Vergütung verbunden, was sie zu einer attraktiven Option für den Start in die Berufswelt macht.

    Kritische Reflexion: Herausforderungen beim Systemtransfer

    Der Transfer des “dualen Modells” in andere Länder ist jedoch kein einfaches Unterfangen. Evaluationen zeigen, dass Projekte zur Einführung dualer oder kooperativer Ausbildungsstrukturen oft wenig nachhaltig waren. Das System bleibt weitgehend auf einige Staaten in Mitteleuropa beschränkt. Ein schlüssiges Transferkonzept muss die spezifischen bildungspolitischen, sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Empfängerlandes berücksichtigen.

    Statt einfaches Kopieren: schrittweiser Wissenstransfer

    Ein erfolgreicher Transfer erfordert keine einfache Kopie des deutschen oder schweizerischen Systems, sondern eine intelligente Anpassung und Integration von Elementen, die den lokalen Bedingungen entsprechen. Wichtige Aspekte sind dabei die Finanzierung, die Verbindung von Theorie und Praxis sowie die Gestaltung der Prüfungen.

    “Eine zentrale Voraussetzung bildet die Bereitschaft der Wirtschaft, die Entwicklung der dualen Ausbildung in ihrem Land zu unterstützen.”

    Prof. Dr. em. Dieter Euler, 26.10.23

    In Anlehnung an Gessler (2017) und Euler (2023) sind diese drei Formen des Transfers denkbar:

    1. Disseminativ: Dieser Ansatz kennzeichnet die Integration neuer Elemente in ein bestehendes System, wobei diese Elemente entweder ergänzende Funktionen übernehmen oder existierende teilweise ersetzen. Ein praktisches Beispiel hierfür ist die Einführung neuer Berufsbilder, bei denen Lehrpläne aus einem fremden Bildungssystem in das eigene integriert und entsprechend angepasst werden.
    2. Adaptiv: Bei diesem Vorgehen werden neue Konzepte oder Methoden in ein bestehendes System aufgenommen, jedoch so modifiziert, dass sie den spezifischen Gegebenheiten und Anforderungen dieses Systems entsprechen. Ein Beispiel hierfür ist die Einführung von betrieblichen Lernphasen in ein schulbasiertes Ausbildungssystem. Diese Phasen werden in ihrer Länge und ihrem Inhalt so angepasst, dass sie mit den Rahmenbedingungen der teilnehmenden Unternehmen harmonieren.
    3. Transformativ: Dieser Ansatz beschreibt die Aufnahme neuer Ideen oder Prinzipien, die als Katalysator für grundlegende Veränderungen und Innovationen innerhalb eines Systems dienen. Ein Beispiel ist die Übernahme des Konzepts der Sozialpartnerschaft zwischen Staat und Wirtschaft. Dies führt zur Schaffung neuer Beratungs- und Entscheidungsstrukturen, die eine innovative Form der Zusammenarbeit und Entscheidungsfindung ermöglichen.

    Historisch-Kulturelle Perspektive: Mehr als nur ein Ausbildungssystem

    Jedes Berufsbildungssystem spiegelt historische und kulturelle Prozesse wider. Das deutsche duale System ist durch rechtliche Normen, didaktische Prinzipien und institutionelle Strukturen geprägt. Eine Übertragung muss daher die sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen des Ziellandes berücksichtigen.

    Qualität der Berufsausbildung: Ein breites Spektrum

    Die Qualität der Berufsausbildung hängt nicht ausschließlich von der Form der Ausbildung ab. Sowohl in dualen als auch in schulisch basierten Systemen gibt es eine breite Palette an guten und schlechten Umsetzungen. Die zunehmende Integration praktischer Phasen in schulische Ausbildungsformen zeigt die Verbindung von Theorie und Praxis.

    Yvo Wüest im Training “Didactic Reduction” für Expert:innen in Sensortechnik, Shanghai 2013

    Auszug aus dem Podcastgespräch mit Klaus Jürgen Brix bei “Education Minds” vom 07.12.23

    Yvo: Als ich 2013 in China gearbeitet habe, lautete unser Thema “Didaktische Reduktion” für Expert:innen in Sensortechnik. Die Chinesinnen und Chinesen, einige von ihnen hatten in Grossbritannien und in Deutschland studiert, hatten die Herausforderung, dass sie bei Trainings mit Fachkolleg:innen aus Deutschland und den USA zu viele Inhalte, zu überladene Folien, zu lange Referate einsetzen wollten. 

    Das hat überhaupt nicht funktioniert, die Zielgruppe war völlig überfordert.

    Die Technikerinnen und Techniker gingen davon aus, dass die ganze Welt, so wie die Menschen in China lernt und aufnimmt und verarbeitet. 

    Wir haben in der Folge Strategien entwickelt, wie sie ihre Inhalte fokussieren. Wie sie “Didaktische Reduktion” bei der Präsentation und in Trainings mit Menschen, sagen wir mal vorsichtig: mit anderen kognitiven Voraussetzungen, erfolgreich einsetzen. Wie sie ungefähr 40 % der weniger wichtigen Inhalte rausnehmen und vor einem neuen Lernschritt zuerst eine Zwischenzusammenfassungen liefern. 

    Damit die Lernenden weiter mit an Bord sind. 

    Mich interessiert von dir zu hören: Die Zusammenarbeit zwischen deutschen und chinesischen Bildungseinrichtungen ist sicher auch bezüglich Lernstil und Lernkultur interessant und herausfordernd.

    Gibt es Momente, wo du auf “Didaktische Reduktion” zurückgreifst?

    Klaus-Jürgen:  Ich würde eher sagen, es gibt keinen Moment, in dem ich nicht auf die “Didaktische Reduktion” zurückgreife.

    Lehrkräfte oder Trainer leben immer mit dem Konflikt zwischen Zeit und Inhalt. Deshalb ist es so wichtig, Lernziele und Lernniveau genau zu definieren und dem Mut zu haben, weniger zu machen, aber das was man macht, gut zu machen. Eigentlich ist es, zumindest in China, ein Management Problem. Die Lehrkräfte verstehen das Thema didaktische Reduktion. Es ist nicht schwer so etwas zu verstehen. Das Management muss Ihnen jedoch die Freiheit geben und sie ermutigen, diesen Weg zu gehen. Lieber die wichtigen Themen intensiv zu bearbeiten, als viele Themen theoretisch auszuliefern. Schließlich ist, gerade in der beruflichen Bildung, Handlungsfähigkeit besonders wichtig.

    11. Yvo: Klaus-Jürgen, wie balancierst Du die Erhaltung der Qualität des deutschen Ausbildungssystems mit der Anpassung an lokale Bedürfnisse in China?

    -Klaus-Jürgen: Sämtliche Partner sind Chinesen und Chinesinnen aus internationalen und chinesischen Firmen und Schulen bzw. Universitäten. Wir müssen lernen, die lokalen Gegebenheiten zu integrieren, ohne die Kernelemente und die wirklich wichtigen Bestandteile zu beschädigen oder komplett aufzugeben. Das heißt, das System nicht dogmatisch zu sehen, sondern eher funktionell. Was gut ist, wird eingesetzt, was nicht passt, wird angepasst.

    Neben allen Detailaufgaben ist für uns am wichtigsten, dass wir Standards einsetzen und diese überprüfen. Nehmen wir das Beispiel der Entwicklung der Lehrpläne. Wir haben die Standards für Lehrpläne für China. Jedes Mal, wenn wir einen neuen Lehrplan entwickeln bzw. updaten, gibt es ein Kickoff Meeting, in dem Experten aus Bildung, Forschung und vor Allem aus der Industrie zusammenkommen und über Struktur und Inhalte sprechen. 

    Wir geben die Standards vor. Also Lernfelder, Lernsituationen, Teilaufgaben, Lernaktivitäten, Kompetenzen, Handlungsziele, usw. Die fachlichen Inhalte kommen von den Fachexperten aus Bildung und Industrie. Wir haben dann einige Folgemeetings und verabschieden den neuen Lehrplan gemeinschaftlich für all unsere Schulen. So stellen wir die Qualität sicher und behalten Einfluss auf unsere Standards und diese basieren auf dem deutschen dualen Berufsbildungssystem.

    Überraschende Drohnen-Technik am nächtlichen Himmel von Shanghai, 2021

    Fazit: Es braucht einen individuellen Anpassungsprozess

    Die dualen Berufsbildungssysteme in Deutschland, der Schweiz oder in Österreich können wertvolle Vorbilder für andere Länder sein, jedoch ist eine sorgfältige Anpassung an lokale Bedingungen unerlässlich. Viele Projekte haben sich als wenig nachhaltig erwiesen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der intelligenten Integration von Elementen, die auf die spezifischen Bedürfnisse und Kontexte des jeweiligen Landes zugeschnitten sind. Das duale System kann daher nicht als Universallösung betrachtet werden, sondern es geht in einem ersten Schritt meist um den Transfer einzelner Elemente der dualen Berufsausbildung.

    Ressourcen

    In einem Blogbeitrag bei Didactical Reduction, der Vorgängerwebseite zu dieser Seite hier, berichtete ich 2013 kurz über einen Trainingsauftrag in Shanghai.

    Das Duale System in Deutschland – Vorbild für einen Transfer ins Ausland? Bertelsmann Stiftung, 2013

    Prof. Dr. Dieter Euler: Wissenstransfer statt Systemexport – Wege in eine duplizierte Berufsausbildung, Blogbeitrag im Transfer-Vet 26.10.23

    Gessler, Michael (2017). Educational transfer as transformation: A case study about the emergence and implementation of dual apprenticeship structures in a German automotive transplant in the United States. Vocations and Learning, 10, 71–79.

    Podcastepisode Nr. Klaus-Jürgen Brix: Arbeitserfahrungen mit Vocational Training in China, 7.12.2023

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