In einer neuen Folge der Reihe „Trafostation“ beleuchtet Wolf Lotter, Journalist, Experte für Transformation und Innovation und gefragter Podcast-Gast, die tiefgreifende Bedeutung humanistischer Bildung. Im Gespräch mit Christoph Pause empfiehlt er, moderne Lernkonzepte wie New Learning, rasch in unsere Bildungssysteme zu integrieren. In diesem Beitrag fasse ich wichtige Gedanken zusammen.

In der Vergangenheit gefangen
Wie unsere Vorstellungen von Arbeit, Organisation, Gesellschaft und Mensch ist auch das Bildungssystem in der Vergangenheit verhaftet, meint Wolf Lotter. Er begründet dies mit der Verwurzelung des Bildungswesens im Industriezeitalter. Als es vor allem darum ging, Bildung für Eliten und eine effiziente Ausbildung für die breite Masse zu schaffen.
Der Kern der humanistischen Bildung
Neben der fachlichen Ausbildung wurde bei den Eliten stets auch Wert auf eine entwickelte Allgemeinbildung, auf humanistische Bildung, gelegt: „Es geht um das Erwecken von Neugierde und eine Grundeinstellung, sich leicht auf Veränderung, Überraschung und Innovation einstellen zu können“, betont der Publizist. Und meint damit im Kern das Lernen zu lernen. In der Vergangenheit sicherte diese Art von Bildung den Absolventen langfristig einen Platz in den oberen Gesellschaftsschichten.
Humanistische Bildung geht über die reine Wissensvermittlung hinaus. Sie fördert die Entwicklung von Persönlichkeit, Kreativität und kritischem Denken. Es geht darum, den ganzen Menschen zu bilden und ihn zu befähigen, sich in einer dynamischen, sich ständig verändernden Welt zurechtzufinden und neue Innovationen hervorbringen zu können.
Jan Foelsing, LinkedIn 18.07.24
Zwei unterschiedliche Ausrichtungen von Bildungskonzepten
Für die breite Masse beschränkte sich die Bildung auf die Befähigung, die zugewiesenen Aufgaben zu erfüllen. Es gab eine klare Trennung zwischen den humanistisch gebildeten Eliten und der Mehrheit, die auf monotone Fabrikarbeit oder standardisierte Bürotätigkeiten vorbereitet wurde“, so Lotter. Doch diese Zeiten sind vorbei. Heute gehören nicht mehr nur die Industriearbeiter zu den Verlierern der fortschreitenden Transformation.
Als Weltgesellschaft wären wir heute froh, wenn wir mehr Menschen hätten, die ihre ganze Persönlichkeit als Entwicklungssubjekt begreifen. Und die im Prozess des „Lebenslangen Lernens“ viele Möglichkeiten hatten (und haben), ihre Kreativität, ihr ethisches Bewusstsein und ihr kritisches Denken zu entwickeln.
An dieser Stelle habe ich mich an Sir Ken Robinson, Experte für Entwicklung und Kreativität, Innovation und menschliches Potenzial erinnert. Der in zahlreichen Referaten und in seinem Buch „Finding your Element“ empfohlen hat, genauer nachzuspüren, um was es bei unserer „inneren Berufung“ geht.
Wissen und Informationen in einen größeren Zusammenhang einordnen können
Wer beispielsweise ein Studium der Psychologie oder Archäologie absolviert hat, jedoch keinen umfassenden Einblick in wirtschaftliche, technische, politische und organisatorische Zusammenhänge ohne ideologische Vorurteile besitzt, wer nicht in der Lage ist, diese Verbindungen zu durchdringen und verständlich zu vermitteln – mit anderen Worten, wer keine Fähigkeit zur Kontextualisierung entwickelt hat – wird von Lotter als engstirniger Spezialist kritisiert:
„Wer Zusammenhänge nicht verstehen und erklären kann, wer keine Kontextkompetenz hat, ist und bleibt ein Fachidiot.“
Lotter beklagt, dass die Verschulung des Bildungssystems aus vielen Menschen Fließbandarbeiter:innen gemacht hat, die in ihren Silos dahinwursteln. Aber nicht in der Lage sind, über den Tellerrand zu schauen. Sie bringen Diplome oder Zertifikate mit, aber keine weitergehenden Interessen: „Jede Form von Fortschritt geht denen an den Kragen, die nur die eigenen vier Wände ihres bescheidenen Wissens kennen.“
Dank offener Bildung den Horizont erweitern
Lotter wünscht sich neue Generationen, die mit dem Lernen vertraut und neugierig auf die Welt sind. Er fordert „Offene Bildung, die unseren Horizont erweitert, statt Auswendiglernen und stures Fachwissen, das uns einmauert“. Seiner Meinung nach sind es das Überblickswissen, die Kontextkompetenz des Handelns und das selbständige Denken, die fachspezifisches Wissen erfolgreich machen.
„Die neue Allgemeinbildung muss Zusammenhänge vermitteln, nicht bloß enges Fachwissen.“
Die moderne, digital vernetzte Gesellschaft braucht Generalisten, die in der Lage sind, verschiedene Wissensgebiete miteinander zu verknüpfen und flexibel auf neue Herausforderungen zu reagieren. Lotter diskutiert, wie wichtig es ist, dass Lernende Wissen nicht nur passiv aufnehmen, sondern aktiv hinterfragen und in der Praxis anwenden. Kooperation und gemeinsame Wissenserarbeitung sind zentrale Elemente dieses Ansatzes.
Fazit:
Diese Folge von Trafostation ist eine anregende und aufschlussreiche Diskussion über die Zukunft der Bildung. Wolf Lotter argumentiert überzeugend für eine Neuausrichtung der Bildungssysteme hin zu einer ganzheitlichen und flexiblen Bildung, die den Anforderungen der modernen Gesellschaft gerecht wird. Ich empfehle diese Episode allen Zuhörer:innen der Reihe „Education Minds – Didaktische Reduktion und Erwachsenenbildung“ und Bildungsfachleuten, die auf der Suche nach zukunftsweisenden Inspirationen und Ideen sind.
Ressourcen:
Podcast-Episode Trafostation Nr. 21 mit Wolf Lotter und Christoph Pause „Wir brauchen Bildung, die man brauchen kann“: https://open.spotify.com/episode/5VbJVHuIEdO7wEnxxo1vCY?si=ZYgN5d_CRQqc5ajlYgRMjg
Referat von Sir Ken Robinson zu seinem Buch 📖 „Finding your Element“.
Podcastgespräch Yvo Wüest mit Linda Fromme – Die magische Kraft von sozialem Lernen, bei Education Minds GmbH.