Kurz vor Weihnachten hatte ich die Gelegenheit, mit Dr. Johanna Dahm über das neue Fachbuch zu sprechen, das sie gemeinsam mit acht weiteren KI- und Bildungsexpert:innen im GABAL Verlag herausgegeben hat. Das Buch „Künstliche Intelligenz – Impulse für den Einsatz von KI in Weiterbildung und Training“ (GABAL Verlag, 2024) ist ein lesenswerter Sammelband, der eine fundierte und praxisnahe Auseinandersetzung mit einem der zentralen Themen unserer Zeit bietet. In diesem Beitrag teile ich die wichtigsten Erkenntnisse und Impulse, die ich aus der Lektüre gewinnen konnte. Zusätzlich habe ich das Podcast-Interview mit Johanna, in dem wir ausführlich über das Buch sprechen und das kürzlich veröffentlicht wurde, für dich verlinkt.

Vielfalt der Perspektiven und Interdisziplinarität
Das Buch besticht durch die Vielfalt der Beiträge und den interdisziplinären Ansatz. Die neun Autor:innen, darunter erfahrene Bildungsfachleute wie Uwe Bingel, Olga Tröger und Simone Engelhard, beleuchten die Potenziale und Herausforderungen der KI aus unterschiedlichen Fachrichtungen – von der Wirtschaft über die Informatik bis hin zur Andragogik. Diese breite Basis ermöglicht einen facettenreichen Zugang zu den Anwendungsmöglichkeiten von KI und regt dazu an, eigene Einsatzszenarien zu entwickeln.
„Die Art und Weise, wie Arbeiten und Bildung heute gedacht wird, wird sich in den kommenden Jahren massgeblich durch die Entwicklungen in der KI verändern. Möglicherweise ist KI-Kompetenz in wenigen Jahrene eine genauso entschieden wie heute Lesen und schreiben.„
Andreas Bellof, Präsident des GABAL-Verbandes, S. 4 „Künstliche Intelligenz“, GABAL 2024
Konkrete Anwendungsbeispiele und Visionen
Der Sammelband eröffnet mit dem Beitrag „Ohne Kommunikation ist alles nichts“, der eindrücklich aufzeigt, dass trotz aller technologischen Fortschritte die menschliche Kommunikation unverzichtbar bleibt. Auch die besten Algorithmen können den zentralen Stellenwert der zwischenmenschlichen Verständigung nicht ersetzen, die essenziell für erfolgreiche Zusammenarbeit und Innovation ist.
Das Kapitel „KI im Führungskontext von Unternehmen“ bietet einen fundierten theoretischen Rahmen, um zu verstehen, wie KI in Entscheidungs- und Führungsprozessen als unterstützendes Werkzeug eingesetzt werden kann. Gleichzeitig beleuchtet es die Herausforderungen, die damit für Führungskräfte verbunden sind. Besonders hervorzuheben ist die Erkenntnis, dass der Einsatz von KI nicht nur technische, sondern auch tiefgreifende kulturelle Anpassungen in Organisationen erfordert.
Ein weiteres spannendes Thema wird im Kontext des „Homo oeconomicus“ und des „Homo ludens“ diskutiert. Der Beitrag zeigt auf, wie Algorithmen nicht nur Experimentierfreude fördern, sondern auch dazu beitragen können, Fehlentscheidungen zu minimieren. Dieser Ansatz beschreibt einen Paradigmenwechsel, der das Potenzial hat, menschliches Verhalten in Entscheidungsprozessen durch den gezielten Einsatz von KI neu zu interpretieren und zu steuern.
Für Bildungsfachleute besonders relevant ist der Beitrag „KI-gestützte Entwicklung von Lerndesigns im Corporate Learning“. Angesichts der wachsenden Bedeutung von lebenslangem Lernen und kontinuierlicher Weiterbildung im beruflichen Kontext zeigt dieser Abschnitt, wie KI genutzt werden kann, um Lernprozesse in Unternehmen effizienter, personalisierter und zielgerichteter zu gestalten.

Didaktische Relevanz und ethische Reflexion
Für Bildungsfachleute ist das Buch ein doppelter Gewinn: Zum einen werden konkrete didaktische Ansätze für den sinnvollen Einsatz von KI im Lernprozess vorgestellt, zum anderen wird die ethische Dimension nicht außer Acht gelassen. Themen wie Datenschutz, Bias und die Verantwortung der Bildungsinstitutionen gegenüber den Lernenden werden sachlich und zugleich eindringlich behandelt. Diese Ausgewogenheit macht das Buch zu einer verlässlichen Ressource für die Gestaltung nachhaltiger Bildungsangebote.
Wertvoll waren für mich die verschiedenen Praxisbeispiele, die zeigen, wie KI in der von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität geprägten VUCA-Welt bereits heute erfolgreich in Personalmanagement, Vertrieb, Kommunikation und Weiterbildung eingesetzt wird. Dabei illustrieren die Autor:innen nicht nur die aktuellen Möglichkeiten, sondern geben auch inspirierende Einblicke in die Zukunft. Wer sich fragt, wie KI Lernprozesse personalisieren, Lernmaterialien optimieren oder die Interaktion mit Teilnehmern verbessern kann, findet hier fundierte Antworten.
Ein Buch für das Zeitalter der „Digitalen Transformation“
Mit der rasanten Entwicklung von generativen KI-Modellen wie ChatGPT und den damit verbundenen Möglichkeiten steht die Weiterbildung an einem Wendepunkt. Dieses Buch hilft, diese Zeitenwende nicht nur zu verstehen, sondern auch aktiv mitzugestalten. Es bietet nicht nur Orientierung, sondern auch konkrete Impulse für Bildungsprofis, die das transformative Potenzial von KI gewinnbringend nutzen wollen.
Mit Blick auf die Chancen, durch KI-Systeme Geschäftsprozesse zu optimieren und durch umfassende Datenanalysen fundiertere Entscheidungen treffen zu können, habe ich mir diese Punkte notiert:
- Effizienz durch KI: KI-Systeme ermöglichen es Unternehmen, große Datenmengen zu analysieren, Muster zu erkennen und gezielte Vorhersagen zu treffen. Dokumente werden nach Mustern sortiert und extrahiert, was die Suche und den Abruf von Informationen erleichtert.
- Fokus auf unstrukturierte Daten: KI hilft bei der Verarbeitung grosser Mengen strukturierter und unstrukturierter Daten in kürzester Zeit. Wobei die KI hier insbesondere in der Strukturierung von unstrukturierten Daten den Menschen tendenziell überlegen ist.
- Automatisierung und Big Data: Die effiziente Nutzung unstrukturierter Daten beinhaltet das Entfernen irrelevanter Daten, deren Klassifikation und Umwandlung in verarbeitbare Formate. Dieses Prinzip ist nicht neu, wird aber durch KI weiter optimiert.
- Optimierungspotenzial: Der Automatisierungsgrad ist ein wichtiger Hebel zur Verbesserung von Geschäfts- und Entscheidungsprozessen. Durch statistische Analysen werden verborgene Muster erkannt und schrittweise Kausalzusammenhänge abgeleitet.

Fazit
KI hat das Potenzial, nicht nur das Arbeiten und Kommunizieren, sondern auch das Lernen grundlegend zu verändern. Die Frage ist heute nicht mehr, was KI kann, sondern was sie nicht kann. Das neue Fachbuch „Künstliche Intelligenz – Impulse für den Einsatz von KI in Weiterbildung und Training“ ist weit mehr als ein Buch – es ist ein Werkzeugkasten für die Zukunft der Bildung. Von der Einführung in die Grundlagen bis hin zu innovativen Anwendungsszenarien bietet das Buch einen ganzheitlichen Blick auf die Möglichkeiten von KI in der Weiterbildung. Für alle, die KI nicht nur verstehen, sondern auch verantwortungsvoll und kompetent in ihren Bildungsalltag integrieren möchten, liefert dieses Werk wertvolle Denkanstöße, konkrete Lösungsansätze und Inspirationen für die Praxis.
Ressourcen
Künstliche Intelligenz: Impulse für den Einsatz von KI in Weiterbildung und Training, GABAL 2024
Link zu Amazon: https://www.amazon.de/Künstliche-Intelligenz-Impulse-Weiterbildung-Training-ebook/dp/B0DJP8QW97
Podcastgespräch Dr. Johanna Dahm und Yvo Wüest „Mit KI Impulse in Weiterbildung und Training setzen“, 26.12.24 bei YouTube:
2024 Work Trend Index Annual Report, from Microsoft /LinkedIn. 8. Mai 2024.
Dr. Holger Schmidt: „Führungskräfte sehen KI als Gamechanger – fühlen sich aber nicht vorbereitet“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 10.04.24
Spannend finde ich in diesem Beitrag hier die Verbindung zwischen didaktischer Praxis und ethischer Reflexion – zwei Aspekte, die für den sinnvollen Einsatz von KI in der Weiterbildung essenziell sind.
Deine Buchrezension hat mich dazu gebracht, das Buch zu kaufen und ich habe es bereits fast zur Hälfte fertig gelesen. Meine vorläufige Erkenntnis lautet: KI ist weit mehr ist als ein technisches Werkzeug: Sie kann Lernprozesse personalisieren, Materialien optimieren und neue Wege für interaktive Bildungsangebote eröffnen.
Für mich geht es in Zukunft darum, KI nicht nur zu verstehen, sondern aktiv in Lehr- und Lernprozesse zu integrieren. Das Podcast-Interview mit Dr. Johanna Dahm war auch hilfreich und ihre Einblicke in die Herausforderungen und Potenziale von KI in der Weiterbildung waren für mich nütztlich.
Mich würde interessieren: Welche konkreten Strategien oder Methoden siehst du als besonders vielversprechend, um Lehrende in Bildungsorganisationen nicht nur für KI zu sensibilisieren, sondern sie aktiv in die Gestaltung KI-gestützter Lernprozesse einzubeziehen?
Viele Grüsse, Simone
Hallo Simone
Eine vielversprechende Strategie ist die Kombination aus praxisnahen Workshops und kollaborativen Experimentierformaten. **Learning-by-Doing** spielt dabei eine zentrale Rolle: Lehrende sollten nicht nur über KI sprechen, sondern sie direkt in realen Lehr-Lern-Szenarien ausprobieren.
Konkrete Methoden:
1. Hands-on KI-Workshops: Lehrende testen KI-Tools anhand konkreter Aufgaben, z. B. automatisierte Zusammenfassungen oder adaptive Quiz.
2. Didaktische Design-Sprints: In kurzen, strukturierten Phasen entwickeln Lehrteams KI-gestützte Lernszenarien für ihren eigenen Unterricht.
3. Peer-Learning & KI-Communities: Lehrende tauschen Erfahrungen aus, reflektieren Good Practices und passen KI-gestützte Methoden gemeinsam an.
4. KI als Co-Trainer nutzen: KI kann in der Vorbereitung (z. B. für personalisierte Materialien) oder im Unterricht (z. B. für interaktive Diskussionen) aktiv eingesetzt werden.
5. Reflexionsräume schaffen: Neben technischer Anwendung ist die ethische und didaktische Reflexion entscheidend – z. B. durch regelmäßige Dialoge zu Chancen und Grenzen von KI.
Das Ziel ist, KI als Unterstützung und nicht als Ersatz zu begreifen – und Lehrende in ihrer eigenen Rolle zu stärken, indem sie aktiv mitgestalten können.
Alles Gute dir
Yvo