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67: Hoffnung als didaktisches Werkzeug oder „Die Kunst, nicht abzustumpfen“

    Während eines Spitalaufenthalts hatte ich vor einigen Jahren Gelegenheit, das Buch „Die Kunst, nicht abzustumpfen: Hoffnung in Zeiten der Katastrophen“ von Dr. Stephan Marks zu lesen. Dieses Werk erwies sich nicht nur als inspirierende Lektüre, sondern trug möglicherweise auch zu meinem Genesungsprozess bei. Als Experte für didaktische Reduktion und Erwachsenenbildung beleuchte ich in diesem Beitrag wichtige Aspekte dieses Buches und diskutiere deren Relevanz für Bildungsfachleute.

    Titelseite des 2012 im Gütersloher Verlagshaus veröffentlichten Buches.

    Die Würde des Menschen ist unantastbar

    Die Würde des Menschen als blinder Fleck in unserer Gesellschaft

    Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes formuliert unmissverständlich: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Dennoch erleben wir in Deutschland und in vielen Gesellschaften tagtäglich Verletzungen dieses Prinzips – sei es durch spöttische Bemerkungen, soziale Ausgrenzung oder systematisches Mobbing in Schulen und am Arbeitsplatz.

    Stephan Marks beleuchtet in seinem Buch „Die Kunst nicht abzustumpfen“ diesen „blinden Fleck“ und zeigt eindrucksvoll, wie wenig Bewusstsein für Würdeverletzungen in unserer Gesellschaft vorhanden ist. Gerade in Bildungseinrichtungen erleben Kinder, Jugendliche und Erwachsene immer wieder Kränkungen – ein Umstand, der oft ignoriert wird, obwohl die Auswirkungen auf Lernleistung und psychische Gesundheit gravierend sind.

    Doch Marks bleibt nicht bei der Analyse stehen, sondern gibt konkrete Impulse für einen würdevollen Umgang miteinander. Sein Ansatz ist die sogenannte „Schampsychologie“ und er zeigt auf, wie Scham entsteht, welche Funktionen sie hat und welche langfristigen Folgen Würdeverletzungen haben können.

    Hoffnung als Prozess: Aktivierung von Potenzialen

    Dr. Marks argumentiert überzeugend, dass Hoffnung das Ergebnis eines dynamischen Prozesses ist, der Menschen befähigt, ihre Fähigkeiten und Potenziale in die Gesellschaft einzubringen. Er betont die Notwendigkeit, Entscheidungen nicht ausschließlich „Experten“ zu überlassen, sondern selbst Stellung zu beziehen, den Austausch mit anderen zu suchen und Verantwortung zu übernehmen. Für die Erwachsenenbildung bedeutet dies, Lernende zu ermutigen, sich aktiv an gesellschaftlichen Diskursen zu beteiligen und ihre individuellen Kompetenzen einzubringen. So ist sein Buch nicht nur eine Bestandsaufnahme, sondern auch ein praktischer Leitfaden für alle, die eine Kultur der Würde aktiv fördern wollen.

    Die Rolle der Emotionen im Lernprozess

    Ein besonders beeindruckender Gedankengang des Buches betrifft die Bedeutung von Emotionen: Sie motivieren zum Handeln. In meiner Arbeit in der Erwachsenenbildung beobachte ich immer wieder, dass Lernen dann effektiv ist, wenn es emotional berührt. Dr. Marks betont, dass Emotionen (vom lateinischen „emovere“ = bewegen) unerlässlich sind, um Aktivität zu fördern. Daraus ergibt sich für Bildungsfachleute die Aufgabe, Lerninhalte so zu gestalten, dass sie sowohl kognitiv ansprechend als auch emotional resonant sind.

    Meine Buchrezension 2013 auf Amazon zum Buch von Stephan Marks.

    Verknüpfung von Kognition und Emotion: Ein integrativer Ansatz

    In der Pädagogik und Erwachsenenbildung ist es unerlässlich, Fachleute zu haben, die die mit negativen Nachrichten verbundenen Gefühle anerkennen und kompetent begleiten. Dr. Marks plädiert dafür, Kognition und Emotion zu verknüpfen, um Gefühle bewusst zu machen und transformative Lernprozesse zu ermöglichen. Dies erfordert didaktische Konzepte, die sowohl den Verstand als auch das Herz ansprechen und so nachhaltiges Lernen fördern.

    Konkretes Beispiel aus der Erwachsenenbildung: Reflexionsübung „Emotionen hinter den Fakten“

    Ein praktisches Beispiel für die Verbindung von Kognition und Emotion in der Erwachsenenbildung ist die Reflexionsübung „Emotionen hinter den Fakten“, die sich besonders für Seminare zu gesellschaftlichen Themen, Krisenkommunikation oder ethischer Entscheidungsfindung eignet.

    Ablauf der Methode:

    1. Einstieg – Faktenanalyse
      Die Teilnehmenden erhalten einen aktuellen Nachrichtenartikel oder eine Zusammenfassung eines gesellschaftlich relevanten Themas (z. B. Klimawandel, soziale Ungleichheit, Digitalisierung der Arbeit). Aufgabe ist es, die reinen Fakten aus dem Text zu extrahieren und auf einem Flipchart oder in einer digitalen Mindmap zu strukturieren.
    2. Emotionale Reaktion erfassen
      Nach der sachlichen Analyse folgt ein bewusster Perspektivwechsel:
    • Wie fühle ich mich beim Lesen dieser Informationen?
    • Welche Emotionen lösen die Fakten in mir aus?
    • Welche Emotionen könnten sie in anderen Menschen auslösen?
      Die Teilnehmenden schreiben ihre emotionalen Reaktionen auf Karten oder teilen sie in einer offenen Gesprächsrunde mit.

    3. Kognition trifft Emotion – Reflexion & Diskussion

    Nun werden zwei Gruppen gebildet

    • Gruppe A: Sammelt Argumente, warum eine nüchterne, faktenbasierte Betrachtung wichtig ist.
    • Gruppe B: Diskutiert, warum emotionale Reaktionen unvermeidlich sind und wie sie zu einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Thema führen.
      Anschließend präsentiert jede Gruppe ihre Ergebnisse, und die Diskussion wird moderiert, um einen bewussten Umgang mit Emotionen und kognitiven Prozessen zu fördern.

    4. Transfer in den eigenen Arbeitsalltag
    Die Teilnehmenden überlegen individuell oder in Kleingruppen:

    • Wo begegnen mir im Beruf oder Alltag ähnliche Situationen?
    • Wie kann ich in meiner Rolle als Trainer:in, Berater:in oder Führungskraft sowohl kognitive als auch emotionale Anteile in Lernprozessen berücksichtigen?
    • Welche Methoden oder Strategien kann ich für meine Zielgruppe nutzen, um emotionale Lernprozesse sinnvoll zu integrieren?

    Ergebnis und Nutzen für die Teilnehmenden

    • Sie lernen, Fakten nicht isoliert zu betrachten, sondern im emotionalen und gesellschaftlichen Kontext einzuordnen.
    • Sie erkennen, dass Emotionen eine wichtige Rolle im Lernprozess spielen und nicht als störend, sondern als aktivierend betrachtet werden sollten.
    • Sie entwickeln Strategien, um in ihrem eigenen Bildungs- oder Arbeitskontext emotionale und kognitive Lernprozesse gezielt zu verknüpfen.

    Diese Methode eignet sich für eine Vielzahl von Bildungssituationen, in denen es darum geht, Menschen nicht nur mit Wissen auszustatten, sondern sie auch zum Nachdenken, Fühlen und letztlich zum Handeln anzuregen – ganz im Sinne von Dr. Marks’ Ansatz der Hoffnung in schwierigen Zeiten. Wie ich hinten im Buch in meinen Notizen festgehalten haben, führt diese Vorgehensweise auch schrittweise zu einem „qualitativ“ veränderten Leben: Langsamer, weniger, besser und schöner.

    Meine Notizen im Jahr 2012 im hinteren Teil des Buches … (Foto Yvo Wüest)

    Fazit: Ein wertvolles Buch für Bildungsfachleute

    „Die Kunst, nicht abzustumpfen“ ist ein empfehlenswertes Buch für Ausbildende, Trainer, Coaches und alle, die an der Gestaltung einer hoffnungsvollen Zukunft interessiert sind. Dr. Marks gelingt es, komplexe Zusammenhänge verständlich darzustellen und praxisnahe Impulse für die Bildungsarbeit zu geben. In den kommenden Jahren wird es entscheidend sein, Prozesse des gesellschaftlichen Wandels voranzutreiben und dabei sowohl kognitive als auch emotionale Formen der Wissensvermittlung zu berücksichtigen. Statt eine „Informationsgesellschaft“, brauchen wir vielmehr eine Wissens- und Weisheitsgesellschaft. Das Buch bietet dafür eine fundierte Grundlage und ist daher eine klare Leseempfehlung für alle Bildungsfachleute.

    Suchen Sie für Ihre Organisation oder Abteilung praxisnahe Trainings zu Didaktischer Reduktion und der Rolle von Emotionen im Lernen? Dann schreiben Sie mir und lassen Sie uns gemeinsam neue Lernwege gestalten!

    Ressourcen:

    Webseite von Dr. Stephan Marks: https://www.menschenwuerde-scham.de/fortbildungsteam.html

    Podcastreihe Education Minds – Didaktische Reduktion und Erwachsenenbildung: https://education-minds.com/podcast/

    Rachida Dahman schreibt in ihrem Blogbeitrag „I am Not Afraid“ 26.02.25: https://www.tieonline.com/article/5690/i-am-not-afraid?nid=75

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