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68: Positive Bildung – Ein paradigmenwechsel in der Erwachsenenbildung

    Diese Tage nahm ich für die Vorbereitung von einem Training zu „Handlungskompetenz“ erneut das Buch „Einführung in die Positive Bildung“ von Prof. Dr. Christoph Städeli in die Hand. Der Autor hat eine Lehrerausbildung für die Primar- und Berufsschule absolviert und an der Universität Zürich Psychologie und Pädagogik studiert. Er hat ein CAS in positiver Psychologie abgeschlossen und leitet heute die Abteilung Sekundarstufe 2 / Berufsbildung an der Pädagogischen Hochschule in Zürich.

    Im folgenden Beitrag schreibe ich über das von ihm propagierte Konzept der „Positiven Bildung“ und erläutere, warum es in der Bildungsarbeit wichtig ist, sich statt auf Defizite besser auf Ressourcen und Charakterstärken zu kontentrieren.

    Christoph Städeli, Einführung in die Positive Bildung, hep 2023

    Was ist Positive Bildung?

    Positive Bildung ist ein innovatives Konzept, das das traditionelle Bildungssystem herausfordert. Es geht um weit mehr als um schulische oder akademische Leistung – es geht darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich Lernende und Lehrende gleichermaßen wohlfühlen. Es integriert die Prinzipien der positiven Psychologie in den Bildungsprozess, um Wohlbefinden und Leistung zu fördern. Durch die Hervorhebung von Charakterstärken und Wohlbefinden zielt Positive Bildung darauf ab, Selbstständigkeit, Selbstbewusstsein und Emanzipation zu fördern.

    Positive Bildung und Positive Psychologie sind eng miteinander verwandt, aber sie haben unterschiedliche Anwendungsbereiche und Schwerpunkte.

    Positive Psychologie ist eine wissenschaftliche Disziplin, die sich mit den Aspekten des menschlichen Lebens befasst, die Wohlbefinden und Glück fördern. Es ist ein Bereich der Psychologie, der das menschliche Potenzial für Wachstum und die Bedingungen, die Menschen helfen, zu gedeihen und ein erfülltes Leben zu führen, untersucht. Zu den zentralen Konzepten gehören Charakterstärken, Optimismus, Resilienz und Zufriedenheit. Die Positive Psychologie konzentriert sich darauf, was das Leben lebenswert macht und nicht nur darauf, psychische Krankheiten zu behandeln.

    Was die Positive Bildung von der Positiven Psychologie übernommen hat

    Positive Bildung nimmt die Prinzipien der Positiven Psychologie auf und wendet sie im Bildungsbereich an. Es ist ein pädagogischer Ansatz, der darauf abzielt, ein unterstützendes Lernumfeld zu schaffen, das das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler fördert, während es gleichzeitig auf akademische Leistung und Charakterentwicklung abzielt. Die Positive Bildung integriert Techniken und Strategien, die das Wohlbefinden verbessern und die persönliche Entwicklung unterstützen, direkt in das Curriculum und die Schulstruktur.

    Didaktisch reduziert könnten wir sagen, dass Positive Psychologie die theoretische Grundlage bietet, während Positive Bildung die praktische Anwendung dieser Theorien in Bildungseinrichtungen ist. Positive Bildung nutzt die Erkenntnisse der Positiven Psychologie, um die Bildungserfahrung zu verbessern, indem sie nicht nur das Lernen, sondern auch das Wohlbefinden und die persönliche Entwicklung der Lernenden in den Vordergrund stellt.

    Die Bedeutung von Wohlbefinden in der Bildung

    Wohlbefinden in der Bildung ist ein entscheidender Faktor für das Gedeihen von Individuen innerhalb eines Bildungssystems. Es geht nicht nur um das Erleben von Freude, sondern auch um das Erreichen von sinnhafter, erfüllender Arbeit. Wohlbefinden hängt eng mit Faktoren wie positivem Selbstwert und einer positiven Einstellung zu Lernprozessen zusammen. Es ist ein unverzichtbares Element, das zum Erfolg des Bildungsauftrages beiträgt.

    In unterschiedlichen und breit angelegten Studien konnte nachgewiesen werden, dass bei Schülerinnen und Schülern, die gezielt an Programmen der positiven Bildung teilgenommen haben, das Wohlbefinden im Vergleich zu Lernenden aus Placebo-Schulen bedeutend höher war und die schulischen Leistungen, gemessen an den Standards nationaler Prüfungen, deutlich besser ausfielen (Seligman, 2019). Weitere Studien weisen darauf hin, dass Schülerinnen und Schüler mit besserem Wohlbefinden bessere Noten erzielen und weniger Fehlzeiten aufweisen (Chaves, 2021, 282).

    Kernelemente und ihre Anwendung

    Das Konzept der positiven Bildung basiert auf Charakterstärken, wie sie von Forschern wie Martin Seligman und Christopher Peterson beschrieben wurden. Diese Stärken, wie Neugier und Ausdauer, werden als beobachtbare und wünschenswerte Eigenschaften betrachtet, deren Entwicklung im Bildungskontext Anerkennung und Inspiration bringt. Die positive Bildung unterstützt Schüler darin, diese Stärken zu identifizieren und anzuwenden, was das Wohlbefinden und letztendlich die Leistungsfähigkeit verbessert.

    Die positive Bildung basiert auf dem Wissen über effektives und nachhaltiges Lehren und Lernen sowie auf den Ideen und Konzepten der positiven Psychologie. Im Zentrum stehen dabei zwei Kernelemente: Charakterstärken und Wohlbefinden.

    Christoph Städeli, Transfer, 18.04.23

    Statt auf Defizite auf Ressourcen und Charakterstärken konzentrieren

    Im Bildungskontext bedeutet die Fokussierung auf Charakterstärken, Lernende darin zu unterstützen, diese Qualitäten zu erkennen, zu entwickeln und anzuwenden. Dies fördert nicht nur die persönliche Entwicklung, sondern verbessert auch das Engagement und die Leistung im Lernprozess. Die Betonung von Charakterstärken ermöglicht es Lernenden, ihre eigenen Stärken zu sehen und zu schätzen, was zu einem erhöhten Selbstwertgefühl und zu einer gesteigerten Resilienz führt.

    Das Konzept der Charakterstärken, zentral für die positive Psychologie, fasst zusammen, was Individuen an Besten in sich tragen und im Alltag manifestieren können. Autoren wie Niemiec gehen davon aus, dass es ein Ensemble von 24 universellen Charakterstärken gibt, die in jedem Menschen vorhanden sind, wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen und Kombinationen. Diese Stärken, wie etwa Weisheit, Mut, Humanität und Gerechtigkeit, sind nicht isolierte Merkmale, sondern beeinflussen und verstärken sich gegenseitig.

    Charakterstärken als Schlüssel für persönliches Wachstum

    Charakterstärken sind beständig, aber nicht starr; sie sind abhängig von Kontext und Situation und können durch gezielte Praxis und Reflexion entwickelt und verfeinert werden. Das bedeutet, dass wir sie durch bewusste Anstrengungen und Aktivitäten stärken können, was zu positiven Veränderungen sowohl in unserem Selbstverständnis als auch in unserem Verhalten führen kann.

    Indem wir unsere Charakterstärken kennen und anwenden, erkennen wir nicht nur, wer wir sind, sondern gestalten auch aktiv, wie wir uns in verschiedenen Situationen ausdrücken und handeln. Sie sind integraler Bestandteil dessen, wie wir uns selbst und anderen gegenüber präsentieren und unsere Werte und Überzeugungen in die Welt tragen.

    Charakterstärken sind daher ein Schlüsselfaktor für persönliches Wachstum und Wohlbefinden, was ihre Förderung in Bildungseinrichtungen zu einer wesentlichen Komponente der Persönlichkeitsentwicklung macht. Sie unterstützen das individuelle Bestreben, ein erfülltes Leben zu führen, und tragen zur Entwicklung von Individuen bei, die in der Lage sind, konstruktiv zum Wohl der Gemeinschaft beizutragen.

    Die Umsetzung in der Praxis

    Die Umsetzung der positiven Bildung erfordert einen ganzheitlichen Ansatz. Dies beginnt mit der Schulung der Lehrkräfte in den Prinzipien der positiven Bildung und setzt sich fort in der Gestaltung von Lernumgebungen, die Charakterstärken und Wohlbefinden fördern. Der Erfolg der positiven Bildung hängt davon ab, dass sie von allen Beteiligten als Mehrwert anerkannt und gelebt wird.

    Wohlbefinden in der Positiven Bildung geht über die bloße Abwesenheit von Krankheit hinaus. Es umfasst positive Emotionen, Engagement, Beziehungen, Sinn und Zielerreichung – oft zusammengefasst unter dem Akronym PERMA. Diese Aspekte des Wohlbefindens zu kultivieren, ist entscheidend für eine umfassende Bildung, die Lernende nicht nur zu effektiven Akademikern, sondern auch zu ausgeglichenen und zufriedenen Individuen formt. Wenn Schulen und Lehrpläne darauf ausgelegt sind, das Wohlbefinden zu fördern, können sie dazu beitragen, dass Lernende eine positivere Einstellung zum Lernen entwickeln und besser in der Lage sind, Herausforderungen zu bewältigen und im Leben zu gedeihen.

    Das große Potential der positiven Bildung

    Die positive Bildung ist nicht nur ein ergänzendes Element, sondern bietet eine transformative Perspektive auf Schule und Unterricht. Sie verfolgt das Ziel, die Bildungseinrichtungen lebenswerter zu machen und die Schülerinnen und Schüler umfassend auf die Herausforderungen des gesellschaftlichen Wandels vorzubereiten. Mit dem Einzug der positiven Bildung in die Erwachsenenbildung steht uns eine Ära bevor, in der Kreativität, Selbstbestimmung und Genuss im Mittelpunkt des Lernerlebnisses stehen, und somit ein Gegenmittel zur Zunahme von Depressionen und Unzufriedenheit darstellen.

    Positive Bildung könnte der Schlüssel zu einem besseren Lernen und kreativerem Denken sein, wie es Martin Seligman bereits vorschlägt. Es ist an der Zeit, dass das Konzept der positiven Bildung eine zentrale Rolle in der Gestaltung zukünftiger Bildungsmodelle einnimmt.

    Ressourcen:

    Chaves, C. (2021). Wellbeing and Flourishing. In: Kern, M. & Wehmeyer, M. (Hrsg.). The Palgrave Handbook of Positive Education. Cham: Springer Nature Switzerland.

    Seligman, M. (2019). Positive Psychologie: Eine persönliche Geschichte. Jährliche Überprüfung der klinischen Psychologie, 15 (1), 1–23.

    Podcastgespräch Nr. 71 bei Education Minds mit Béatrice Kuster: Das Wunder in uns: Positive Psychologie und Growth Mindset für ein erfülltes Leben

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