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78: Universal Design for Learning -Wenn Lernen von Anfang an für alle gedacht wird

    Partizipation und Heterogenität sind Kernbegriffe der Integrativen Schule. Universal Design for Learning (UDL) denkt Unterricht von Anfang an so, dass möglichst alle Kinder, aber auch Jugendliche und Erwachsene daran teilhaben können. Was dahintersteckt – und warum dieser Ansatz auch für erfahrene Bildungsfachleute einen Perspektivwechsel bedeutet, beschreibe ich in diesem Beitrag.

    Lukas Fehlings im Gespräch mit Yvo Wüest im Podcaststudio von Education Minds, Januar 2026

    Von der Architektur in den Klassenraum

    Die Idee des «Universal Design» entstand in den 1970er-Jahren in der Architektur. Der Architekt Ronald Mace, der selbst im Rollstuhl sass, entwickelte die Vision von Gebäuden und Produkten, die von Anfang an für möglichst viele Menschen zugänglich sind, ohne nachträgliche Anpassungen. Dieses Prinzip wurde später auf den Bildungsbereich übertragen und bildet die Grundlage dessen, was wir heute als Universal Design for Learning kennen.

    UDL wurde in den 1990er-Jahren vom Center for Applied Special Technology (CAST) in den USA entwickelt und seitdem kontinuierlich weiterentwickelt. Im Juli 2024 erschienen die UDL Guidelines 3.0 – die bisher umfassendste Überarbeitung des Rahmens, mit einem stärkeren Fokus auf «Learner Agency», also die Fähigkeit von Lernenden, ihren eigenen Lernprozess aktiv mitzugestalten.

    Was UDL bedeutet – und was es nicht ist

    Der Kern von UDL lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Barrieren liegen nicht im Kind, sondern im Lerndesign. Diese Verschiebung des Blicks ist grundlegend. Es geht nicht darum, den Unterricht für bestimmte Kinder anzupassen, sondern ihn von Anfang an so zu gestalten, dass er für alle zugänglich ist.

    «Feste Ziele, flexible Wege – das ist das Grundprinzip von UDL.»

    UDL strukturiert sich entlang dreier Prinzipien, die in den Leitlinien als das Warum, das Was und das Wie des Lernens beschrieben werden:

    • Engagement (Warum): Wie motiviere ich Lernende? Wie schaffe ich Sinn und Zugehörigkeit?
    • Repräsentation (Was): Wie werden Inhalte dargestellt? Welche Darstellungsformen stehen zur Verfügung?
    • Aktion und Ausdruck (Wie): Wie können Lernende ihr Wissen zeigen? Welche Ausdrucksformen sind möglich?

    UDL ist keine Sammlung von Methoden und kein additives Förderprogramm. Es ist eine Grundhaltung – und diese muss vor der Handlung stehen.

    Lukas Fehlings, adaptiert von UDL Learning Cycle von Chrissie Butler, Blog Kt. Basel Stadt

    Podcast-Gespräch mit Lukas Fehlings: Einblicke aus der Praxis

    Kürzlich hatte ich Gelegenheit, für meinen Podcast Education Minds, ein ausführliches Gespräch mit Lukas Fehlings zu führen – Fachbeauftragter für schulische Heilpädagogik beim Erziehungsdepartement Basel-Stadt, Ich schaff’s®-Coach und ausgewiesener UDL-Experte. Er beschäftigt sich seit mehreren Jahren intensiv mit der Grundhaltung von UDL und ist aktuell dabei, das erste deutschsprachige UDL-Netzwerk aufzubauen.

    Im Gespräch macht Fehlings deutlich, wie der UDL-Prozess in der Praxis aussieht: Ausgangspunkt ist immer das Lernziel. Von dort aus überlegt die Lehrperson – idealerweise gemeinsam mit einem multiprofessionellen Team –, welche Barrieren auf dem Weg zu diesem Ziel auftreten könnten. Dann werden proaktiv Zugänge und Hilfsmittel eingeplant, bevor der Unterricht beginnt.

    «Der Aufwand verlagert sich weg vom reaktiven Feuerlöschen hin zu einem proaktiven Unterrichtsdesign. Das reduziert den situativen Stress spürbar.»

    Ein konkretes Beispiel aus dem Gespräch: Eine Lehrperson plant eine Präsentationsaufgabe. Ein mehrsprachiger Schüler darf in seiner Herkunftssprache präsentieren und gleichzeitig deutsche Untertitel einblenden. Ein Kind, das ungern vor der Klasse spricht, nimmt die Präsentation vorab auf. Das Lernziel – eine Präsentation erstellen und halten – bleibt dasselbe. Der Weg dorthin wird flexibel gestaltet.

    Besonders aufschlussreich ist Fehlings‘ Unterscheidung zwischen UDL und klassischer Binnendifferenzierung: Während Differenzierung oft von einem fiktiven Durchschnittslernenden ausgeht und Anpassungen nachträglich vorgenommen werden, plant UDL von Anfang an für die Vielfalt. Es gibt keinen Grundunterricht für einige und Anpassungen für andere – sondern ein flexibles Angebot für alle.

    UDL und inklusive Schule: Zwei Seiten derselben Medaille

    Die Heterogenität in Schulklassen ist Realität. Kinder unterscheiden sich in Sprachstand, Lernvoraussetzungen, Interessen, neurobiologischen Profilen und sozialen Ressourcen. Die Integrative Schule hat sich zum Ziel gesetzt, Kinder mit besonderem Förderbedarf in die Regelklasse einzubinden. UDL geht einen Schritt weiter: Es stellt die Frage, wie der Unterricht selbst so gestaltet werden kann, dass diese Zweiteilung in «Regelkinder» und «Förderkinder» gar nicht erst entsteht.

    Hilfsmittel und Zugangshilfen sind in einem UDL-Rahmen nicht Sondermassnahmen für einzelne Kinder, sondern stehen grundsätzlich allen zur Verfügung. Das entlastet sowohl Lehrpersonen als auch Schülerinnen und Schüler, weil keine Stigmatisierung entsteht.

    Neurowissenschaftliche Erkenntnisse unterstützen diesen Ansatz: Lernende unterscheiden sich nicht nur in ihren Fähigkeiten, sondern in der Art und Weise, wie sie lernen. Ein Unterricht, der mehrere Zugänge, Ausdrucksformen und Engagementmöglichkeiten bietet, dient letztlich allen – nicht nur jenen, für die er ursprünglich gedacht war.

    UDL und Digitalisierung: Neue Möglichkeiten, neue Fragen

    Digitale Medien bieten für UDL erhebliches Potenzial. Mehrsprachige Materialien, automatische Untertitel, Text-to-Speech-Funktionen, flexible Darstellungsformate und KI-gestützte Lernangebote können Barrieren abbauen und unterschiedliche Lernwege unterstützen. Aktuelle Studien untersuchen, wie die Kombination von UDL-Prinzipien und KI-gestützten Assistenztechnologien das Engagement und die Lernergebnisse von Schülerinnen und Schülern verbessern kann.

    Gleichzeitig warnen Forscherinnen und Forscher vor einer unkritischen Übernahme des Konzepts: Zu viele Wahlmöglichkeiten können überfordern, und die Annahme, alle Lernenden könnten ihren eigenen Lernprozess vollständig selbst steuern, ist empirisch umstritten. UDL ist kein Allheilmittel, sondern ein Planungsrahmen, der Lehrpersonen helfen kann, typische, unnötige Barrieren proaktiv zu identifizieren und zu reduzieren.

    Praktische Schritte für Bildungsfachleute

    Wie lässt sich UDL in der eigenen Praxis beginnen? Lukas Fehlings empfiehlt, klein anzufangen: eine Unterrichtseinheit, ein Lernziel, ein identifiziertes Hindernis. Der UDL-Kreislauf bietet dafür eine praxisnahe Struktur:

    • Lernziel klären: Was sollen die Lernenden am Ende können, wissen oder verstehen?
    • Barrieren identifizieren: Was könnte auf dem Weg zum Ziel hinderlich sein, beispielsweise im Design, in den Materialien, in der Kommunikation?
    • Zugänge planen: Welche Alternativen, Hilfsmittel oder Darstellungsformen können eingebaut werden?
    • Umsetzen und evaluieren: Was hat funktioniert? Was bleibt für den nächsten Durchlauf?

    Entscheidend ist dabei die Haltung vor der Handlung: UDL entfaltet seine Wirkung nur dann, wenn es nicht als zusätzliche Aufgabe, sondern als Überzeugung verstanden wird. Die Überzeugung, dass Lernen für alle zugänglich sein sollte.

    Fazit

    Universal Design for Learning ist keine neue Methodik, die auf die bestehende Praxis aufgesetzt wird. Es ist eine Verschiebung des Ausgangspunkts: weg vom fiktiven Durchschnittslernenden, hin zur bewussten Planung für reale Vielfalt. Für Bildungsfachleute – ob in Schule, Hochschule oder Weiterbildung – bedeutet das vor allem eines: den Blick für Barrieren schärfen, bevor der Unterricht beginnt.

    Die UDL Guidelines 3.0, erschienen im Juli 2024, verstärken diesen Ansatz durch ein klares Bekenntnis zu Learner Agency. Mit dem Ziel, dass Lernende Schritt für Schritt lernen, ihren eigenen Lernprozess zu verstehen und zu steuern. Im deutschsprachigen Raum gewinnt UDL durch Initiativen wie das Netzwerk von Lukas Fehlings an Sichtbarkeit. Es lohnt sich, diesen Ansatz ernst zu nehmen – nicht als Lösung für alle Herausforderungen, aber als substanziellen Beitrag zu einer Bildung, die niemanden von vornherein ausschliesst.

    Ressourcen

    Das vollständige Gespräch mit Lukas Fehlings ist im Podcast Education Minds – Didaktische Reduktion und Erwachsenenbildung verfügbar. Lukas Fehlings ist Fachbeauftragter für schulische Heilpädagogik beim Erziehungsdepartement Basel-Stadt, Ich schaff’s®-Coach und Experte für Universal Design for Learning.

    Fachartikel „Offene Lernsettings für alle – Universal Design for Learning und Diklusion als Grundlage für Empowerment“ von Dr. Lea Schulz und Lukas Fehlings.

    Podcastgespräch von Thomas Moch in der Reihe „Digitales Duett“ mit Lukas Fehlings über Universal Design for Learning.

    Webseite der Schweizer Zentrums für Heil- und Sonderpädagogik mit einem Eintrag zum Thema UDL Universal Design for Learning.

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