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80: Eine Landkarte für Unruhige zeiten – Rezension zu Leonard Glabs neuem Buch „CartografíA de nuestros Tiempos“

    Es gibt Bücher, die Antworten geben wollen. Und es gibt Bücher, bei dem der Autor oder die Autorin ehrlich genug sind zu sagen: Für diese aktuellen und unruhigen Zeiten gibt es keine fertigen Antworten – wohl aber eine Art, sich nicht zu verlaufen. Leonard Glab Frontera hat mit Cartografía de nuestros tiempos. La mirada de un pasajero en ruta (Mascarón de Proa, 2026) ein Buch der zweiten Sorte geschrieben. In diesem Beitrag schreibe ich, warum es für Bildungsfachleute besonders lesenswert ist.

    Coverbild, Cartografía de nuestros tiempos – La mirada de un pasajero en ruta, Mascarón de Proa (Mascarón No Ficción), Februar 2026

    Der Untertitel ist Programm: der Blick eines Reisenden unterwegs. Glab – Konfliktforscher, Mediator, Dozent, Gründer des Thinktanks G-Lab-2B, beruflich in mehr als dreissig Ländern unterwegs – verzichtet auf die Attitüde des Diagnostikers, der von aussen auf die Welt schaut. Er positioniert sich als jemand, der mit uns im selben Zug sitzt. Das klingt nach Bescheidenheit, ist aber methodisch bemerkenswert: Wer unsere Zeit verstehen will, muss akzeptieren, dass er Teil dessen ist, was er zu verstehen versucht.

    Die zentrale Diagnose: Wir stehen an einem Wendepunkt, nicht in einem Übergang

    Glabs Ausgangsthese ist so einfach wie unbequem: Wir leben nicht in einer Phase des Übergangs, in der man auf die nächste stabile Ordnung warten kann. Wir leben an einem strukturellen Wendepunkt. Die Denk-, Vertrauens- und Ordnungssysteme, die uns durch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts getragen haben, reichen nicht mehr aus, um die Komplexität unserer Gegenwart zu bewältigen.

    Was das konkret heisst, entfaltet das Buch in acht Kapiteln, die aufeinander aufbauen, aber auch einzeln lesbar sind. Glab geht dabei der Reihe nach vor: von der historischen Einordnung über die Analyse der Gegenwart als Wendepunkt zur Diagnose der zentralen Krise. Der Autor, und das ist ein entscheidender Befund, beschreibt unsere herausfordernde Gegenwart nicht primär als technologische oder ökonomische Krise, sondern als Krise von Wahrnehmung, Vertrauen und Beziehungssystemen.

    Für Bildungsfachleute ist das keine abstrakte Diagnose. Es ist die Welt da draussen, in der unsere Lernenden aufwachsen und leben – und in der wir unsere Lernangebote durchführen.

    Polykrise, Resonanzverlust und die fragmentierte Wirklichkeit

    Glab greift den von Adam Tooze ab 2022 popularisierten Begriff der Polykrise auf und schärft ihn: Krisen sind heute nicht isoliert, sondern miteinander verflochten und verstärken sich gegenseitig. Beispielsweise Klima und Migration, Technologie und Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Die Konsequenz für unser Denken ist radikal: Lineares, monokausales Denken greift nicht mehr.

    Besonders eindrücklich fand ich Glabs Überlegungen in Kapitel 2 zu dem, was er die „drei Dimensionen der Aggression“ nennt: Aggression gegenüber der Natur (Extraktivismus), soziale Aggression (Polarisierung, Feindbilder) und Selbstaggression (Selbstoptimierung, Burnout). Sein Gegenkonzept ist der Begriff der Resonanz – erkennbar angelehnt an Hartmut Rosa, aber eigenständig weitergedacht: sich vom Weltgeschehen berühren lassen, antworten, ohne zu dominieren. Beziehung statt Kontrolle.

    Hier wird das Buch für uns Bildungsfachleute besonders relevant. Denn wenn man Glabs Diagnose ernst nimmt, dann ist die Frage nicht mehr nur, was wir lehren, sondern in welchem Modus Bildung überhaupt stattfindet: im Aggressionsmodus (Kontrolle, Beschleunigung, Testkultur, Wettbewerb) oder im Resonanzmodus (Beziehung, Präsenz, Dialog). Das ist nicht Sophisterei, sondern konkret: Jede formale Lehr- und Lernsituation ist eine Entscheidung zwischen diesen Modi.

    Die „Burbujas“ – oder: Warum Medienkompetenz allein nicht reicht

    Kapitel 3 widmet sich dem, was Glab unsere „Blasen“ nennt und hier setzt Glab einen überraschenden Akzent. Das Problem unserer Zeit, so seine These, ist nicht, dass es zu viele Lügen gibt. Das Problem ist, dass Wahrheit psychologisch selektiert statt epistemisch geprüft wird. Menschen wählen Wahrheiten, die zu ihrer Identität passen und sie nicht irritieren. Wahrheit ertrinkt nicht in Lügen, sondern in Vielfalt ohne Struktur.

    Noch schärfer wird es, wenn Glab Religion als „Kooperationstechnologie“ analysiert und diese Analyse auf moderne Systeme überträgt. Gemeinsame Geschichten ermöglichen Kooperation grosser Gruppen jenseits der Dunbar-Zahl. Aber: Was innen verbindet, grenzt aussen ab. Auch Demokratie, warnt Glab, kann quasi-religiös werden – „unsere Werte“ als Dogma, Ausschluss Andersdenkender.

    Für die Bildungsarbeit ist das eine unbequeme, aber wichtige Einsicht. Klassische Medienkompetenz im Sinne von Quellenkritik und Faktenprüfung greift zu kurz, wenn das Problem auf einer anderen Ebene liegt, konkret auf der Ebene von Zugehörigkeit und Identität. Glab formuliert das in Kapitel 6 zugespitzt als „Unbequemlichkeit des Wissens“: Menschen vermeiden Wissen nicht, weil es fehlt, sondern weil es dissonant und identitätsbedrohend ist. Bildung, die das ignoriert, redet an ihren Lernenden vorbei.

    Yvo Wüest auf Besuch in der Universität Fabra Pompeu für ein Podcastgespräch mit Leonard Glab Frontera, Januar 2025

    Superdiversität und die Frage: Wer gehört zu uns?

    Kapitel 4 behandelt „Diversidad y cultura en movimiento“. Glab führt den Begriff der Superdiversität ein: Diversität lässt sich heute nicht mehr primär ethnisch oder national beschreiben, sondern als komplexe Überlagerung vieler Variablen, beispielsweise Rechtsstatus, Herkunftsregion, Sprache, Religion, Bildung, Klasse, Gender, sexuelle Orientierung. Einfache Schubladen versagen.

    Sein Zitat von Verna Myers bringt es auf den Punkt: „Diversität bedeutet, alle ans Fest einzuladen. Inklusion bedeutet, alle zu bitten, mitzutanzen.“ Für Bildungseinrichtungen – Schulen, Hochschulen, Weiterbildung ist das eine hilfreiche Arbeitsanweisung. Wie gelingt es uns, Diversität tatsächlich zu berücksichtigen? Wie können wir die Settings gestalten, dass sich möglichst alle zum Tanz eingeladen fühlen und tatsächlich partizipieren und sich einbringen können?

    Glab zeigt zugleich, wie Zugehörigkeit im Alltag als versteckte Grenztechnik funktioniert: Eine in Barcelona aufgewachsene junge Frau wird als „nicht eine von uns“ markiert, weil ihr Vater aus Marokko stammt. Sprache, Biografie, gelebte Praxis reichen nicht, weil offenbar andere, unsichtbare Marker wirken. Wer solche Mechanismen im Klassenzimmer, im Lehrerzimmer, in Aufnahmekommissionen nicht sieht, kann sie auch nicht bearbeiten.

    Der methodische Kern: Sustainable Desicion Finder

    In Kapitel 5 legt Glab einen methodischen Schatz aus, der in Bildungs-organisationen unmittelbar anwendbar ist: den Ansatz des Sustainable Desicion Finder (SDF), welcher auf dem ECOOPx Model basiert.. Der Shift ist einfach und radikal. Klassische Entscheidungen fragen: „Was bevorzugst du?“ – und produzieren damit Gewinner und Verlierer. SDF fragt stattdessen: „Wogegen hast du Widerstand?“ Die Option mit der geringsten Gesamtresistenz gewinnt.

    Das klingt nach einer technischen Verschiebung, ist im Kern allerdings ein Paradigmenwechsel. Widerstand wird nicht länger als Blockade, sondern als Information behandelt. Minderheiten werden strukturell sichtbar. Konflikte werden früh integriert, statt spät zu eskalieren. Wer einmal eine Schulkonferenz erlebt hat, in der eine Mehrheitsentscheidung eine engagierte Minderheit demotiviert zurücklässt, versteht sofort den Wert dieser Methode.

    Glabs Kernsatz dazu lautet sinngemäss: Gute Entscheidungen minimieren Widerstand – sie maximieren nicht Zustimmung. Für Schulleitungen, Fachschaften, pädagogische Hochschulen und darüber hinaus,, ist das ein unmittelbar anwendbares Werkzeug.

    Reaprender a ser libres: Freiheit als Praxis, nicht als Besitz

    Kapitel 6 radikalisiert den Freiheitsbegriff und macht Glabs These besonders herausfordernd: Das eigentliche Problem unserer Zeit ist nicht mangelndes Wissen, sondern eine wachsende Resistenz gegenüber dem Wissen-Wollen. Wissen ist keine neutrale kognitive Ressource, sondern eine emotionale, soziale und identitätsbezogene Praxis. Und Freiheit, so Glab, wird nicht gegeben – sie muss aktiv eingefordert und verteidigt werden. Die grössere Gefahr liegt dabei selten aussen, bei autoritären Systemen oder Diskriminierung, sondern innen: in der eigenen Bereitschaft zur Anpassung, in Bequemlichkeit und Opportunismus.

    Das verschiebt die Diskussion von Rechten zu Verantwortung. Freiheit bedeutet Haltung zeigen, Ungerechtigkeit aktiv widersprechen, auch unter Risiko handeln. Glabs historische Referenzpunkte – Anne Frank, Sophie Scholl – sind keine romantische Heroisierung, sondern Illustration einer nüchternen These: Freiheit ist moralische Praxis unter Unsicherheit. Ermutigend setzt Glab diesem Denken die sozialwissenschaftliche Kipppunktforschung entgegen: Gesellschaftlicher Wandel braucht keine Mehrheit. Bereits eine engagierte Minderheit von rund 3,5 Prozent kann einen Transformationsprozess auslösen; bei 10 bis 15 Prozent kippt das System. Was gestern randständig war, wird morgen zur Norm.

    Für uns Bildungsfachleute ist das wichtig: Erstens die Diagnose: Wenn Wissen an Identität scheitert, reichen klassische Aufklärungsmodelle nicht. Bildung muss die affektive und soziale Ebene des Lernens mitdenken. Zweitens die Perspektive: Wir optimieren derzeit Systeme, die das Problem erzeugt haben. „Mehr vom Gleichen“ oder „weniger vom Gleichen“ hilft uns nicht weiter; beides bleibt im alten Denkrahmen. Glabs Forderung nach einer epistemischen Transformation statt blosser Reform macht Bildung selbst zur Transformationspraxis. Und sie erinnert daran, dass wir nicht zur Mehrheit gehören müssen, um etwas zu bewegen – wir müssen nur bereit sein, widerständig zu denken und handeln.

    Padlet zur Vorbereitung der Buchrezension, Yvo Wüest, April 2026

    Der Bildungskern: Aprender a desaprender

    Kapitel 7 – „Aprender a desaprender“ – ist das Kapitel, das Bildungsfachleuten am nächsten geht. Glabs These: Bildung muss sich verschieben von Wissensvermittlung zu Reflexion, Urteilskraft und Kooperation. Das ist kein neuer Gedanke, aber Glab begründet ihn systemisch und nicht nur humanistisch.

    Zwei Argumentationslinien halte ich für besonders tragfähig. Erstens: Die zentrale Kompetenz unserer Zeit ist nicht Antworten geben, sondern die richtigen Fragen stellen. Verstehen beginnt mit epistemischer Bescheidenheit. Zweitens: Freiheit muss neu gelernt werden, weil moderne Menschen formal frei, aber nicht kompetent im Umgang mit Freiheit sind. Freiheit ist nicht Beliebigkeit, sondern Verantwortung – und sie ist eine Praxis, kein Zustand.

    Für Lehrpläne, Prüfungskulturen und Ausbildungsstrukturen heisst das: Wir brauchen Räume für Irritation, für produktiven kognitiven Konflikt (den Glab sauber vom destruktiven affektiven Konflikt unterscheidet), für Unsicherheit, für Fehler. Organisationen, die nur Effizienz, Planung und Kontrolle optimieren, unterdrücken systematisch jene Kreativität, die sie gleichzeitig einfordern. Dieses Paradox kennen wir aus Schulen und Hochschulen nur zu gut.

    Besonders wertvoll ist Glabs Unterscheidung zwischen Lernen und Verlernen. Vieles, was heute gelehrt wird, muss nicht ergänzt, sondern, ganz im Sinne der didaktischen Reduktion, aufgegeben werden, um Platz zu schaffen für neues Denken. Verlernen ist keine Schwäche des Wissenssystems, sondern seine reifste Leistung. Für Lehrpersonen, die sich manchmal wie Archivar:innen veralteter Curricula fühlen, ist das eine bemerkenswerte Entlastung.

    Hoffnung als Entscheidung, nicht als Gefühl

    Kapitel 8 schliesst den Bogen – und löst ihn gleichzeitig auf. Hoffnung, schreibt Glab im Anschluss an Václav Havel, ist nicht die Erwartung eines guten Ausgangs, sondern die Überzeugung, dass das eigene Handeln Sinn hat. Hoffnung ist evolutionär angelegt, aber sozial und kulturell geformt – und damit, was pädagogisch entscheidend ist, lernbar und vermittelbar.

    Analog argumentiert Glab für den Frieden: kein stabiler Zustand, sondern eine tägliche Entscheidung. Frieden ist leise, unsichtbar, alltäglich und wird deshalb oft unterschätzt. Die grösste Gefahr ist nicht sein Verlust, sondern unsere Passivität gegenüber diesem Verlust.

    Zum Abschluss plädiert Glab für ein „Denken in hoher Auflösung“. Er nennt dies High-Resolution Thinking. Er wendet sich damit gegen die Konfetti-Antworten unserer Zeit, gegen die KI-verstärkte Versuchung, Komplexität mit Geschwindigkeit zu verwechseln. Kreativität, so sein Schlusspunkt, ist mehr als Problemlösung. Im Idealfall bedeutet Kreativität Perspektivwechsel, Offenheit, das Zulassen von Unsicherheit und Zufall.

    Was das Buch (bewusst) nicht leistet

    Wer bis hier gelesen hat und jetzt denkt: Ich brauche ein Handbuch mit Checklisten und Rezepten, wird enttäuscht. Glab selbst nennt sein Buch eine „Karte“, keine „Anleitung“. An manchen Stellen hätte ich mir die Begriffe noch schärfer konturiert gewünscht – besonders Resonanz und Narrativ werden wiederholt beansprucht. Wer Hartmut Rosa, Yuval Harari und Adam Tooze schon gelesen hat, wird einige Passagen als bekannt notieren. Stärke und Grenze des Buches sind hier dieselbe: Es synthetisiert mehr, als es Neues behauptet. Glab schreibt hier ein überzeugendes und gut komponiertes Essay, das ein breites Publikum verdient.

    Fazit

    Cartografía de nuestros tiempos ist ein kluges, interdisziplinär gesättigtes und inspirierendes Buch. Für Bildungsfachleute liefert es weder fertige Curricula noch schnelle Methoden. Dafür etwas Wertvolleres: einen konsistenten Denkrahmen, um das eigene Tun neu einzuordnen. Wer unterrichtet, leitet, berät oder ausbildet, findet in Glabs Buch Werkzeuge der Selbstvergewisserung in einer Zeit, in der viele alte Selbstverständlichkeiten – von der Planbarkeit des Lernens bis zur Autorität des Wissens – brüchig geworden sind.

    Drei Gedanken nehme ich für meine eigene Arbeit als Trainer, Fachbuchautor und Podcasthost bei Education Minds mit. Erstens: Bildung ist heute nicht primär eine Frage des Was, sondern des Wie – also des Modus. Resonanz statt Aggression, Beziehung statt Kontrolle, Dialog statt Dominanz. Zweitens: Die entscheidende Kompetenz, die wir vermitteln können, ist die Fähigkeit, gute Fragen zu stellen. Dazu auch die Unbequemlichkeit, nicht alles zu verstehen, auszuhalten. Drittens: Transformation braucht keine Mehrheit. Sie braucht Menschen, die sich mutig entscheiden, nicht in alten Mustern weiterzumachen.

    Leonard Glabs Buch ist für alle, die spüren, dass an unserer Welt etwas grundlegend in Bewegung ist. Ein Buch für reflektierte Menschen mit Herz und Verstand, die bereit sind, diese Bewegung nicht mit lauteren Antworten, sondern mit konzentriertem Zuhören und genauerem Denken zu beantworten.


    Ressourcen:

     Leonard Glab Frontera: Cartografía de nuestros tiempos. La mirada de un pasajero en ruta.Mascarón de Proa (Mascarón No Ficción), Februar 2026. 204 Seiten, Softcover mit Umschlagklappten, 14 × 21 cm. ISBN 979-13-70202-06-4. 21,00 €.

    Yvo Wüest ist Bildungsfachmann und Autor. Ein ausführliches Gespräch mit Leonard Glab Frontera ist als Podcast der G-Lab-2B Dialogue Series „Knowledge and Cooperation“ (auf Englisch) verfügbar.

    Bei Education Minds wird im 2026 ein Podcastgespräch auf Deutsch mit Leonard Glab veröffentlicht.

    Link zu G-Lab-2B Exploring Intercultural Communication: https://glab2b.com/en/course-crisis-cooperation-intercultural

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