Dieses Wochenende besuchte ich im Kunstmuseum Singen die Ausstellung „Pure Gegenwart“ von Markus Weggenmann, die mich stark beeindruckt hat. Nach 30 Jahren kehrt der aus Singen stammende, heute in Zürich und Lumnezia (Graubünden) arbeitende Maler mit einer großen Ausstellung an das Museum seiner Heimatstadt zurück. Gezeigt werden Werkgruppen der letzten zehn Jahre, ergänzt durch ältere Arbeiten seit 1993. Die Ausstellung läuft im Kunstmuseum Singen noch bis 12. April 2026. In diesem Beitrag erkläre ich, warum sich ein Besuch lohnt und welche Verbindung ich zum Konzept der Didaktischen Reduktion sehe.

Warum sich ein Ausstellungsbesuch für Bildungsfachleute lohnt
An Weggenmanns Malerei lässt sich etwas beobachten, das auch für Lernen, Lehren und didaktische Gestaltung zentral ist: Reduktion ist nicht Verarmung oder Trivialisierung, sondern bewusste Auswahl. Wer diese Perspektive einnimmt, erkennt eine produktive Verbindung zur Didaktischen Reduktion.
Markus Weggenmann, Jahrgang 1953, gilt als selbsterklärter „Quereinsteiger“. Zunächst arbeitete er parallel in therapeutischen Berufen, seit 1989 ausschließlich professionell als Künstler. Von Beginn an verschrieb er sich konsequent der Farbe, genauer: den Pigmenten, ihrer Erscheinung und ihrer Wirkung. International bekannt wurde er in den 1990er Jahren mit seinen vibrierenden Streifenbildern, die er wandfüllend präsentierte und mit denen er sich in die Farbmalerei des „radical painting“ einschrieb.
Von den berühmten „Streifenbildern“ zu den grossen, monochronen Flächen
Wer die Ausstellung besucht, merkt schnell: Weggenmann ist längst nicht bei diesen frühen Streifenbildern stehen geblieben. Zwar bleiben monochrome Flächen, satte hochpigmentierte Farbe und die starke räumliche Wirkung seiner Malerei grundlegend. Doch das minimalistische Vokabular hat sich erweitert. Heute experimentiert er mit organisch-amorphen, eigensinnigen Formen, die teilweise fast gegenständlich werden: Blumensilhouetten, Landschaftsfragmente, skulpturale Anklänge. Die Werke oszillieren zwischen Fläche und Raum, zwischen Andeutung und Präsenz. Genau diese Spannung macht die Ausstellung so stark.

Mich hat diese Ausstellung beeindruckt, weil sie eindrücklich vorführt, was Fokus bedeutet. Weggenmann arbeitet nicht nach dem Prinzip „mehr ist mehr“. Er versucht nicht, die Welt vollständig abzubilden. Er konzentriert sich. Er wählt aus. Er reduziert. Und gerade dadurch entsteht Intensität. Seine Bilder sind auf den ersten Blick minimalistisch, aber keineswegs simpel. Hinter dieser Reduktion steht eine kalkulierte und zugleich intuitive künstlerische Haltung. Farbe wird bei ihm nicht dekoratives Mittel, sondern Ereignis. Das Kunstmuseum zitiert in diesem Zusammenhang den Satz, diese Bilder seien „reine Gegenwart“ … und genau so fühlt sich die Begegnung mit ihnen an: unmittelbar, wach, hochkonzentriert.
Didaktische Reduktion wird oft missverstanden
Für Bildungsfachleute ist das hochinteressant. Denn Didaktische Reduktion wird in der Praxis noch oft missverstanden. Viele setzen Reduktion mit Vereinfachung gleich, manche sogar mit Banalisierung oder gefährlicher Simplifizierung. Doch korrekt angewandte didaktische Reduktion meint etwas anderes: Sie bedeutet, aus der Fülle eines Gegenstandes das Wesentliche herauszuarbeiten, ohne dessen innere Komplexität zu negieren. Es geht um Auswahl, um Strukturierung und um Fokussierung. Genau das zeigt Weggenmanns Malerei auf sinnliche Weise.
Seine Kunst erinnert daran, dass Konzentration eine Form von Tiefe erzeugen kann. Wer alles zeigen will, zeigt am Ende oft nichts klar. Wer jedoch mit Bedacht auswählt, schafft Wahrnehmungsräume. Weggenmann selbst formulierte bereits vor 30 Jahren, eine Arbeit müsse „Platz schaffen zum Atmen“. Dieser Satz lässt sich auch didaktisch lesen. Gute Bildungsangebote brauchen genau das: Platz zum Atmen. Sie brauchen Luft zwischen den Inhalten. Sie brauchen eine Komposition, die nicht überlädt, sondern Orientierung ermöglicht.

Die Schlüsselfrage: Was ist wirklich wesentlich?
In diesem Sinn ist „Pure Gegenwart“ mehr als eine sehenswerte Kunstausstellung. Sie ist auch eine Einladung, über die eigene professionelle Praxis nachzudenken. Wie wählen wir Inhalte aus? Worauf legen wir den Fokus? Was lassen wir bewusst weg, damit das Wesentliche sichtbar wird? Wie schaffen wir Lernräume, in denen Wahrnehmung, Vertiefung und Resonanz überhaupt erst möglich werden?
Gerade für Menschen in der Erwachsenenbildung, in der Hochschuldidaktik, in der Weiterbildung oder in der Kulturvermittlung liegt hier ein spannender Impuls. Weggenmanns Werke zeigen, dass Reduktion nicht Verlust bedeuten muss. Im Gegenteil: Sie kann Präsenz erzeugen. Sie kann Wahrnehmung schärfen. Sie kann Bedeutung verdichten. Fokus und Auswahl sind keine Nebensachen professioneller Gestaltung, sondern ihr Kern.
Die Ausstellung im Kunstmuseum Singen ist deshalb nicht nur kunsthistorisch interessant, sondern auch didaktisch inspirierend. Sie macht erfahrbar, dass starke Wirkung oft dort entsteht, wo jemand den Mut hat, sich zu beschränken. Nicht alles zu sagen. Nicht alles zu zeigen. Sondern das Richtige.

Mein Fazit
Der Besuch von „Pure Gegenwart“ hat mich beeindruckt. Markus Weggenmanns Malerei entfaltet eine Präsenz, die lange in Erinnerung bleibt. Für Bildungsfachleute ist diese Ausstellung besonders anregend, weil sie beispielhaft vor Augen führt, was gute Reduktion leisten kann: Fokus schaffen, Auswahl treffen und damit Tiefe ermöglichen. Wer sich professionell mit Lernen, Lehren und Vermitteln beschäftigt, kann hier nicht nur Kunst anschauen, sondern auch etwas über die eigene Arbeit lernen.
Ressourcen:
Offizielle Webseite des Künstlers Markus Weggemann: https://www.markusweggenmann.ch
Kunstmuseum Singen mit der Ausstellung „Markus Weggenmann. Pure Gegenwart“ (25.01. bis 12.04.26)
Blogartikel von Lavdije Zidi und Yvo Wüest über das Thema „Resonanzerfahrung und Demokratiebildung“ (Blog der Heidelberg School of Education, 2022)
Podcastgespräch „Person und Bildung in der Schule“ mit Lavdije Zidi und Yvo Wüest bei Education Minds GmbH
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